Die Skyline der Londoner Square Mile ist eine kontrastreiche Mischung aus Alt und Neu

Geschichte und Innovation: Die Skyline der Londoner Square Mile im Wandel

Die seit langem als Handels- und Finanzzentrum bekannte Square Mile von London erlebt eine Baurenaissance, welche von einer Vielzahl hoher, neuer und supereffizienter Gebäude geprägt ist – eine kühne Vision für die Zukunft der City
Share on facebook
Share on linkedin
Share on twitter
Share on email

Die auch unter dem Namen Square Mile bekannte Stadt ist eine der führenden Finanzmetropolen der Welt.

Sie grenzt an die City of Westminster und erstreckt sich bis zu den Mauern des Tower of London. Seit Jahrhunderten ist die Stadt das britische Finanz- und Innovationszentrum, das hin und wieder einen Skandal offenbart. Banker, Börsenmakler, Vermögensverwalter und viele andere nutzen die Straßen und Gebäude dieser 2,9 Quadratkilometer großen Fläche, die etwas mehr als eine Quadratmeile umfasst (daher der Name), um Währungen, Aktien und Wertpapiere zu handeln, Finanzmittel zu beschaffen und viele weitere Dienstleistungen wie Versicherungen und Rechtsberatungen zu erbringen.

Die Anfänge Londons als Finanzmetropole reichen zurück bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Eine wirkliche Blütezeit erlebte die City jedoch erst im 18. und 19. Jahrhundert, als Großbritannien sich ein Empire aufbaute – eines, das sich für mehr als 100 Jahre über alle Kontinente erstreckte und das Land zur größten Wirtschaftsmacht der Welt werden ließ.

Die City war das schlagende Herz des Empire. Im unangreifbaren Finanzzentrum floss das Geld in Strömen: Güter aus der ganzen Welt wurden in den überfüllten Börsensälen gehandelt, während die Banken enorme Renditen auf Darlehen erzielten, die sie denjenigen gewährten, die auf den neuen Überseemärkten ihr Glück versuchten.

Schneller Wandel

Während des gesamten 19. Jahrhunderts wurden in jeder Ecke der Square Mile Bürogebäude – häufig prachtvolle, opulente und kunstvoll verzierte Bauwerke – für die Menschen erbaut, die für den Wohlstand des Landes sorgten.

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts verschärfte sich der Wettbewerb. Andere Länder kämpften nun mit um wirtschaftliche Überlegenheit. Doch London passte sich den Veränderungen an und festigte seine Rolle im Weltfinanzsystem.

Die Einführung neuer Technologien revolutionierte den Börsenhandel in der Stadt. In den 1980er Jahren wurden elektronische Handelssysteme eingeführt, die die Art und Weise, wie Währungen und Aktien gekauft und verkauft wurden, grundlegend veränderten. Infolgedessen ist die Square Mile heute das weltweit größte Handelszentrum für Devisenhandel und übertrifft sogar Städte wie New York, Frankfurt und Tokio.

Genau wie die für die Handelsgeschäfte genutzten Technologien verbessert wurden, haben sich auch die Gebäude verändert, wo sich diese Geschäfte abspielen.

Die Skyline im Wandel

Viele dieser Veränderungen fanden in den vergangenen vier Jahrzehnten statt. Seit Jahrhunderten hatten die Bürogebäude in der Square Mile meist weniger als sieben oder acht Stockwerke, Wolkenkratzer gab es nicht.

Seit den letzten Jahren jedoch werden die Straßen und die Skyline der City von einem neuen selbstbewussten Baustil geprägt, der immer wieder für Kontroversen gesorgt hat.

Die neuen Gebäudekomplexe regten zudem die Fantasie der Menschen an und viele der markanteren Gebäude erhielten einprägsame Namen: Zu den jüngsten Bauwerken zählt 20 Fenchurch Street, ein von Rafael Viñoly entworfenes und vor sechs Jahren fertiggestelltes Hochhaus, das auch „Walkie Talkie“ genannt wird.

In der Nähe befindet sich 30 St Mary Axe, ein von Foster + Partners entworfener und 2003 fertiggestellter Wolkenkratzer, der den berühmten Namen „Gherkin (Gewürzgurke)“ trägt. Das Leadenhall Building, das vom Architekturbüro RSH & Partners geplant und dessen Bau 2014 abgeschlossen wurde, wird aufgrund der schrägen Form als „Cheesegrater (Käsereibe)“ bezeichnet.

25 Finsbury Circus vor dem Tower 42, dem einst größten Gebäude Großbritanniens, das jetzt von 22 Bishopsgate überragt wird. Foto von Hamish Champ.

Ein beeindruckender Vergleich

Auf diesem Foto lässt sich besonders eindrucksvoll erkennen, wie sich die Bürogebäude der Stadt über die Jahre verändert haben.

Das Bild, das von Finsbury Circus nach Nordosten schauend aufgenommen wurde, zeigt 25 Finsbury Circus im Vordergrund, das von Gunton & Gunton entworfen und 1901 erbaut wurde. Dahinter ist der Tower 42 zu sehen, der seinen Namen der Anzahl seiner Stockwerke verdankt. Bei seiner Fertigstellung 1980 wurde das Gebäude jedoch nach der Bank, für die er gebaut wurde, benannt und hieß daher NatWest Tower. Dahinter ragt der erst kürzlich fertiggestellte Wolkenkratzer 22 Bishopsgate hervor, der auch unter dem Namen „TwentyTwo“ bekannt ist.

Finsbury Circus entstand auf dem ehemaligen Gelände des Bedlam Hospital, der zweiten Nervenheilanstalt Londons, die 1815 abgerissen wurde. Ursprünglich gab es an dieser Stelle Gärten, die nach und nach von Häuserterrassen umschlossen wurden. Viele Jahre lang ließen sich dort vor allem wohlhabendere Kaufleute und Zunftgenossen nieder. Mitte der 1920er Jahre verschwanden die letzten dieser Häuser. Sie wurden durch vier Bürogebäude ersetzt, von denen die meisten bis heute existieren und inzwischen unter Denkmalschutz stehen.

Das Lutyens House, auch 21 Finsbury Circus genannt, ist eines davon. Es wurde von Sir Edwin Lutyens entworfen – einer der bedeutendsten Architekten Großbritanniens, der auch den Kenotaph auf der Londoner Whitehall und das Thiepval-Denkmal in Nordfrankreich entworfen hat.

Hoch hinaus

Hinter 25 Finsbury Circus ragt der Tower 42, der ehemalige NatWest Tower, hervor. Als er vor 40 Jahren fertiggestellt wurde, war er mit 180 Metern nicht nur der höchste Wolkenkratzer in der Stadt, sondern auch der höchste in Großbritannien.

Von oben gesehen ähnelt der Grundriss des Bauwerkes dem Logo der NatWest Bank, die viele Jahre lang ihre internationalen Bankgeschäfte in dem Gebäude abwickelte. 1993 wurde der Tower bei einem von der IRA verübten Bombenanschlag stark beschädigt. Danach wurde er saniert und verkauft. 

Der Tower 42 wird von dem kürzlich fertiggestellten 22 Bishopsgate überragt. Der von PLP Architecture entworfene Wolkenkratzer ist 280 Meter hoch und damit das höchste Bauwerk der Stadt und das zweithöchste Gebäude Großbritanniens nach The Shard, das sich am anderen Ufer der Themse befindet.

Die Entstehungsgeschichte des TwentyTwo ist interessant. Der Wolkenkratzer wurde an der Stelle des zuvor geplanten Pinnacle Tower erbaut, der aufgrund seiner gewundenen Form auch als „Helter Skelter (Holterdiepolter)“ bekannt ist. Der Bau des Pinnacle Tower begann 2008, kam jedoch vier Jahre später zum Stillstand, als es durch die globale Finanzkrise Probleme mit der Finanzierung gab.

Als neuester Zuwachs zu der sich rasant entwickelnden Skyline von London ist der TwentyTwo ein höchst modernes Gebäude und damit richtungsweisend für die Zukunft. Die Büroräume des Wolkenkratzers lassen sich ganz nach Belieben anpassen und ermöglichen je nach Belegung eine Vielzahl verschiedener Layouts. Darüber hinaus strotzt der Wolkenkratzer nur so vor intelligenten Technologien, darunter ein digitales Gebäudetechniksystem sowie Gesichtserkennung am Eingang.

Mithilfe dieses Systems lässt sich beispielsweise die Temperatur für einen bestimmten Raum oder sogar für einen einzelnen Arbeitsplatz regeln. Das klingt doch nach Innovation, oder?

Erleben wir gerade den Anfang vom Ende des Büros?

Einige glauben, dass die letzten Monate, in denen unzählige Menschen aufgrund der COVID-19-Pandemie aus dem Homeoffice gearbeitet haben, den Niedergang des physischen Büros eingeläutet haben. Durch die Pandemie wurde die Frage in den Fokus gerückt, ob es für Unternehmen wirklich notwendig ist, über große offene Bürolandschaften im Zentrum der Stadt zu verfügen – auch vor dem Hintergrund der damit verbunden Kosten.

Doch trotz des starken Trends zum Homeoffice erwarten nur wenige, dass das Büro – als Ort, an dem Menschen zum Arbeiten zusammenkommen – der Vergangenheit angehört. Das Büro dient als sozialer Knotenpunkt, wo man Kollegen trifft, zusammenarbeitet, kommuniziert, Ideen entwickelt und Probleme löst.

Die Büros von morgen werden anders sein, als wir es bisher gewohnt sind. Sie werden sich wesentlich besser an die Bedürfnisse der Menschen anpassen lassen, die in ihnen arbeiten. Vorbei sind die Zeiten endloser Reihen von Schreibtischen und einer subventionierten Kantine im sechsten Stock. Stattdessen wird es höchst intelligente Räume geben, die einfach per Smartphone an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden können.

Architekten und Kunden, die mutig genug sind, diese Chancen zu nutzen, können dieses noch nie dagewesene Potenzial neuer Bürogebäude ausschöpfen.

Und das ist auf jeden Fall etwas Positives.