Würden Sie gerne auf dem Wasser leben?

Schwimmende Häuser bieten angesichts des Klimawandels einzigartige Vorteile, bringen jedoch auch gewisse Herausforderungen mit sich. Sind sie eine praktikable Lösung?
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Eine im Juli 2019 durchgeführte Studie der gemeinnützigen Organisation Climate Central und des Bautechnologieunternehmens Zillow ergab, dass die meisten der in den USA neu errichteten Wohnhäuser in Gebieten entstehen, die aufgrund des durch den Klimawandel steigenden Meeresspiegels akut hochwassergefährdet sind.

Das wirft nicht nur Fragen zur menschlichen Psyche auf, sondern stellt auch eine interessante technische Herausforderung dar: Wenn Menschen schon am Wasser leben wollen, warum dann nicht direkt auf dem Wasser?

Anfang des Jahres begann das Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen damit, das Potenzial von „nachhaltigen, schwimmenden Städte“ zu untersuchen.

Obwohl dieser Ansatz zunächst unkonventionell erscheint, benötigt die Menschheit dringend neue zukunftsträchtige Wohnlösungen, vor allem angesichts des fortschreitenden Klimawandels.

Die Geschichte des Hausboots

Schwimmende Häuser sind nichts Neues. Hausboote gibt es schon seit Jahrhunderten. Seit Kurzem errichten Bauunternehmen mit nachhaltigen Baumethoden auch größere Projekte bzw. ganze Wohnviertel, die als Vorbild dafür dienen könnten, wie man in Küstengebieten besser bauen kann.

Technische Fortschritte in diesem Bereich kommen häufig aus den Niederlanden, wo etwa ein Drittel des Landes unter dem Meeresspiegel liegt. Anfang des Jahres zogen im Norden Amsterdams die ersten Bewohner in eine schwimmende Siedlung namens „Schoonschip“ ein. Das aus 30 Gebäuden mit insgesamt 46 Wohneinheiten bestehende Viertel verdankt seine Existenz größtenteils der Fernsehproduzentin Marjan de Blok, die sich 2008 bei einem Interview mit Pauline Westendorp, einer Verfechterin von sauberer Energie, von der Idee inspirieren ließ.

Damals war Westendorp die Leiterin eines nachhaltigen Veranstaltungszentrums auf einem Hausboot. „Ich wollte selbst so wohnen“, erklärt de Blok. „Autark und unabhängig. Außerdem fühlte es sich einfach großartig an, auf einem Boot zu sein.“

De Blok schloss sich mit mehreren Freunden und Kollegen zusammen, die ihre Vision eines nachhaltigeren Lebens auf dem Wasser teilten. Die Verhandlungen mit den Behörden und anderen Interessensgruppen dauerten jedoch mehr als ein Jahrzehnt, bevor mit dem Projekt begonnen werden konnte.

Hausboot: Immobilie oder nicht?

Koen Olthuis, Gründer des auf schwimmende Gebäude spezialisierten und am Schoonschip-Projekt beteiligten niederländischen Architekturbüros Waterstudio.NL, erklärt, dass diese komplexe Frage oft bei schwimmenden Immobilien gestellt wird.

Teil des Problems: Ist ein Hausboot eine Immobilie?

„Wenn es [von den Behörden] als Boot bezeichnet wird, kann es nicht besteuert werden. Damit sie es aber irgendwann wieder loswerden können, begrenzen sie die Pacht auf 10 oder 15 Jahre“, meint Olthuis. „Wenn sie es als Immobilie bezeichnen, können sie Steuern dafür verlangen. Dann ist es jedoch sehr schwierig, ein solches Viertel wieder aufzulösen oder zu verändern.“

In vielen Ländern dürfen Immobilien laut Gesetz nicht beweglich sein. Das bedeutet, dass ein schwimmendes Viertel nicht mehr verändert werden darf, sobald es als Immobilie eingestuft wurde. „Die Technologie ist zwar da, aber die Gemeinden wissen oft nicht, wie sie sich entscheiden sollen“, so Olthuis.

Für Olthuis und andere, die daran arbeiten, schwimmende Architektur massentauglich zu machen, stellte die Klärung dieser rechtlichen Fragen eine der größten Herausforderungen dar. Es müssen jedoch auch technische Hürden aus dem Weg geräumt werden. Dazu zählten etwa: Wie sorgt man bei einem schwimmenden Haus mit drei Wohneinheiten für eine gleichmäßige Gewichtsverteilung, wenn nur eine davon bewohnt ist?

„An Land ist es relativ egal, wenn Sie Ihre Möbel umstellen oder einen Konzertflügel aufstellen“, erklärt Olthuis. „Wenn eine der Wohneinheiten auf dem Wasser aber viel schwerer beladen wird als die anderen, gerät das Haus in Schieflage.“

Die schwimmende Wohnsiedlung Schoonschip in Amsterdam. Foto von Isabel Nabuurs.

Wo schwimmen Häuser am besten?

Beim Schoonschip-Projekt können die Häuser Gewichtsunterschiede mit Ballasttanks ausgleichen, die mit Wasser gefüllt werden – eine wichtige Lektion, die man aus der Vergangenheit gelernt hat. Laut Olthuis stehen diese Entwicklungen sinnbildlich für die Fortschritte, die bei schwimmenden Häusern in den letzten zwei Jahrzehnten verzeichnet werden konnten.

In Bezug auf die Frage, wo ein schwimmendes Viertel gebaut werden soll, empfiehlt Olthuis alte, nicht mehr genutzte Häfen. Diese alten Häfen haben üblicherweise bereits einen integrierten Schutz vor der Brandung, beispielsweise in Form von Wellenbrechern oder Hafenmolen, sowie eine vorhandene Infrastruktur, wodurch die sichere Verankerung der Häuser erleichtert wird. In den Zentren der meisten modernen Städte sind die Preise für Landimmobilien astronomisch hoch. Das Bebauen eines städtischen Hafens kann so zu einer wirtschaftlichen Alternative werden.

„In der Innenstadt von Amsterdam ist es wesentlich günstiger, auf dem Wasser zu leben“, erklärt Olthuis. „Ein Quadratmeter Land kostet mehr als ein Quadratmeter Wasser.“

Während die Behörden versuchen, mit den Besonderheiten von schwimmenden Häusern umzugehen, werden diese laut Olthuis immer dynamischer und modularer und können ihre Form verändern, um etwa saisonale Wohnräume zu schaffen oder neue Bauten wie schwimmende Gewächshäuser oder Schwimmbäder nach Bedarf zu integrieren.

Olthuis sagt, dass er auch daran arbeite, den unter Wasser liegenden Teil der Gebäude besser zu nutzen und sogar das Wasser selbst. Da Wasser besonders träge auf Temperaturveränderungen reagiert, kann es beispielsweise dazu verwendet werden, um Häuser im Sommer passiv zu kühlen und im Winter zu heizen. Außerdem können Wasserströmungen zur Stromerzeugung genutzt werden.

„Die Rolle des Architekten besteht nicht nur darin, eine schöne Zeichnung zu erstellen, sondern er muss auch das Ökosystem und die physikalischen Eigenschaften des Wassers verstehen, über die geltenden Richtlinien und Gesetze Bescheid wissen und den finanziellen Aufwand richtig einschätzen. Das Spektrum, mit dem wir arbeiten, ist ziemlich breitgefächert“, meint Olthuis.

Mit dem Einzug in ihr schwimmendes Zuhause ist für de Blok ein Traum in Erfüllung gegangen. Sie hofft, dass bis Januar 2020 alle 46 Wohneinheiten bewohnt sind. Da die Häuser miteinander verbunden sind –einerseits durch ihre nachhaltige Bauweise und anderseits durch das Stromnetz – sei das Gemeinschaftsgefühl laut de Blok besonders stark.

„Jeder hat seinen eigenen Job, sein eigenes Leben und seine eigene Familie“, so de Blok. „Aber bei Sonnenschein trifft man sich am Pier, wenn man ein Problem hat, kann man sich an einen Nachbarn wenden und wenn man sich einen Hammer ausleihen will, ist das auch kein Problem. Wir teilen wirklich alles.“