Ein Besuch im spektakulären Tottenham Hotspur Stadium in London

Die Konstruktion des weltweit ersten aufteilbaren Fußballplatzes, der unter sich ein American-Football-Feld für die NFL London verbirgt, war mit erheblichen technischen und baulichen Herausforderungen verbunden.
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Der im Norden Londons beheimatete Fußballverein Tottenham Hotspur FC (THFC), zurzeit Fünfter in der englischen Premier League, stellte im April 2019 den Bau seines neuen Heimspielstadions mit 62.850 Zuschauerplätzen fertig.

Das vom renommierten Architekturbüro Populous entworfene, multifunktionale Stadion ist das weltweit erste seiner Art. Das Spielfeld besteht nämlich aus mehreren separaten Grasflächen, die bei Bedarf auf einer Rollkonstruktion auseinandergefahren und in einer Parkgarage untergebracht werden können. Darunter kommt ein American-Football-Spielfeld zum Vorschein, das speziell für die Austragung der Spiele der National Football League (NFL) ausgelegt wurde. Die NFL hat einen 10-Jahres-Vertrag mit dem THFC abgeschlossen und bereits vier Spiele im Tottenham Stadion ausgetragen.

Durchdachte 2-in-1-Konstruktion

Tom Jones, Lead Architect des Projekts und Senior Principal des in Kansas City in Missouri ansässigen Unternehmens Populous, erläuterte uns gegenüber die Beweggründe für das Projekt und beschrieb auch einige der Herausforderungen, die der Bau eines echten Multisportstadions mit sich bringt: „​​Die Verantwortlichen von Tottenham Hotspur gaben uns den Auftrag, das beste Fußballstadion der Welt und das beste NFL-Stadion der Welt zu bauen“, erklärt er. „Während unserer anfänglichen Planungsgespräche bezüglich der Multifunktionalität des Projekts war uns klar, dass wir der NFL das absolut Beste bieten mussten, wenn wir sie davon überzeugen wollten, tatsächlich nach Tottenham zu kommen.“

Wie ist Populous das gelungen? 

„Wir haben schon recht früh den Plan verfolgt, zwei separate Spielflächen zu schaffen: einen Naturrasenplatz für Fußballspiele und einen Kunstrasenplatz für American-Football-Spiele“, so Jones. „Mit dem System, für das wir uns letztendlich entschieden haben, steht den Spielern beider Sportarten nun jeweils eine eigene, optimale Spielfläche zur Verfügung. Bei Spielen der NFL birgt das System einen weiteren Vorteil: Das Spielfeld liegt hier etwa 1,6 Meter tiefer als bei Fußballspielen, sodass die erste Reihe des Unterrangs freie Sicht über das NFL-Feld hat“, also über die Mannschaften und die Mitarbeitenden am Spielfeldrand.

Ein Drittel des Fußballfelds wird unter die Tribüne gefahren.

„Obwohl unser Hauptziel darin bestand, eine neue Heimspielstätte für Tottenham Hotspur zu errichten, hatte der Club noch ein weiteres großes Anliegen. Es sollte ein Ort geschaffen werden, an dem sich sowohl die NFL als auch Veranstalter von Konzerten, Boxkämpfen, Messen und Konferenzen ganz wie Zuhause fühlen würden“, ergänzt Jones.

„Wir wollten vor allem den NFL-Teams bei ihren Besuchen in Tottenham das Gefühl geben, im eigenen Stadion zu spielen.“ Die Umkleideräume und Einrichtungen für die Fußballclubs liegen auf der Westseite des Stadions, auf der Ostseite befinden sich die Umkleiden der NFL-Teams sowie eine Reihe von flexiblen Vorrichtungen für Marken. Damit gelang es Populous, in der Eingangshalle auf der Ostseite des Stadions „eine völlig andere Atmosphäre zu schaffen als auf der Westseite, sodass die NFL dort sozusagen ihren eigenen Eingang hat.“

Einzigartige Herausforderungen

Die Idee, Spielfelder in Stadien ein- und auszufahren, ist nicht vollkommen neu. Stadien wie beispielsweise die Arena AufSchalke, das Krestowski-Stadion (Russland), das State Farm Stadium (Arizona) und das Allegiant Stadium (Las Vegas) verfügen über eine Art einfahrbares Spielfeld. Die urbane Lage des THFC-Stadions erforderte jedoch einen ganz neuen Ansatz.

Die obere Spielfläche wird auseinandergefahren und gibt den Blick auf die darunter liegende NFL-Spielfläche frei.

„Stadien mit einfahrbaren Spielfeldern werden in der Regel so entworfen, dass die Spielfläche irgendwo außerhalb der Arena untergebracht wird“, erklärt Jones. „Tottenham liegt allerdings mitten in einem städtischen Umfeld mit sehr wenig Platz drumherum. Also suchten wir nach einer Möglichkeit, das Spielfeld unter der Südtribüne unterzubringen, und zwar in einem Bereich, der auch als Parkplatz für Autos dienen würde.“ Dem THFC war es ein Anliegen, dass die Rasenfläche bis zu drei Wochen in dem Parkhaus untergebracht werden kann. „Wir mussten Systeme für künstliche Beleuchtung, Belüftung und Bewässerung in dem Parkbereich umsetzen. Es gibt sogar einen Mähroboter, der den Rasen in einwandfreiem Zustand hält.“

Doch diese Idee brachte eine neue Herausforderung mit sich: Die Positionierung zweier Stützsäulen verhinderte, dass das Spielfeld einfach in die Parkgarage eingefahren werden konnte. „Die Idee eines einfahrbaren Spielfelds, das aus drei separaten Elementen besteht, war etwas völlig Neues. Hier kam uns das Know-how von SCX Special Projects zugute“, berichtet Jones.

Eine Nahaufnahme der Stahlhalterungen, die in den Betonboden unter dem Kunstrasenbelag eingelassen sind.

Danny Pickard, Project Director bei SCX Special Projects, berichtet von den einzigartigen technischen Herausforderungen bei der Verschiebung des Spielfelds in das Parkhaus: „Das Spielfeld musste unter die Südtribüne gerollt werden. Doch da standen zwei riesige Stützpfeiler [(die ‚trees‘, zu Deutsch ‚Bäume‘)] im Weg“, erklärt Pickard. „Die einzig mögliche Lösung bestand darin, das Spielfeld der Länge nach in drei Teile zu unterteilen, damit die äußeren Feldabschnitte an den Säulen vorbei geführt werden konnten.“

„Wir haben die drei Teile des Spielfelds sowie den Untergrund und alle unterstützenden Systeme auf riesige Stahlhalterungen gesetzt“, erklärt Pickard. „Die Halterungen werden auf Stahlschienen befördert, die in die Betonplatte des Stadionbodens eingelassen sind. Für den mittleren Teil stellen die großen Tribünensäulen kein Hindernis dar, da dieser einfach unter die Tribüne gefahren werden kann. Er rollt auf Spurkranzrädern über eine Schiene in der Mitte, um ein Abgleiten zu verhindern, sowie auf ‚schwebenden‘ Rädern über zwei Seitenschienen“, so Pickard.

„Die äußeren Teile müssen jedoch um etwa einen Meter seitlich verschoben werden, um an den Säulen vorbeizukommen. Auch diese fahren auf Stahlrädern über Schienen, allerdings erfolgt die Fortbewegung hier nach dem entgegengesetzten Prinzip: die Schienen bewegen sich über darunter liegende Freilaufräder. Zweiunddreißig hydraulische Aktuatoren bewegen die Feldteile seitwärts. Ebenso wie der mittlere Teil werden sie anschließend auf einer Führungsschiene angetrieben von Elektromotoren in der Mitte eingefahren“, erklärt Pickard.

Hydraulische Klappen an der Seitenlinie bewegen sich je nach genutzter Spielfläche nach oben oder unten.

„An der Seitenlinie sind große Stahlklappen angebracht, die über die gesamte Länge des Spielfelds auf einem riesigen Träger sitzen und mit einem leistungsstarken Hydrauliksystem verbunden sind“, so Pickard weiter. Sobald das Spielfeld ins Parkhaus verschoben wird, wird die Seitenlinie um etwa 1,8 Meter abgesenkt, und die Klappen schließen sich, sodass ein nahtloses NFL-Spielfeld entsteht.

Technische Lösungen

SCX Special Projects stieß bereits in einer frühen Projektphase dazu. „Wir wurden angesprochen, um dieses Konzept, ein Spielfeld in drei Teile zu zerlegen und unter die Tribünen zu rollen, auf Herz und Nieren zu prüfen“, berichtet Pickard.

Die Aufteilung des Feldes stellte eine erhebliche Herausforderung dar. Es gab jedoch noch andere grundlegendere Aspekte zu erwägen. „​​Die zentrale Frage lautete, wie umständlich es tatsächlich werden würde, im Zentrum Londons ein Spielfeld zu bauen, während um uns herum ein ganzes Stadion entstand“, so Pickard.

Bei SCX entschied man sich letztendlich für einen modularen Ansatz: Jeder der drei Hauptteile wurde in 33 kleinere Teile aufgeteilt, die jeweils per LKW-Spezialtransport in die britische Hauptstadt befördert wurden. Alle Teile und die dazugehörigen Motoren wurden bereits im Vorfeld getestet und die Verbindungen für den Transport nicht mehr getrennt. Das gesamte Spielfeld war also schon vor der Ankunft in London zusammengebaut und getestet worden.

Das Stadion aus der Vogelperspektive

Ein wichtiges Anliegen war die Spielqualität der Felder. „Die Spieler sollten nicht bemerken, dass sie sozusagen keinen festen Boden unter den Füßen haben. Vor allem sollten sie die Fugen an den Kontaktpunkten der Teile entlang der gesamten Länge des Spielfelds nicht bemerken. Dieser einfahrbare Rasen sollte genau so gut bespielbar sein wie ein normales Spielfeld. Auch die NFL-Spieler sollten in keiner Weise dadurch beeinträchtigt werden, dass ihr Feld auf neun massiven Stahlschienen sitzt, die sich über die gesamte Länge des NFL-Spielfeldes erstrecken und unter der Spielfläche eingelassen sind.“

Zur Vorbereitung der Konstruktionsphase führten die Ingenieur:innen eine Frequenzanalyse der Teile durch und stellten auf dem Trainingsgelände des THFC einen Prototypen auf, den die Spieler:innen testen konnten. Für die NFL wurde eine stoßdämpfende Einlage zur Abdeckung der Stahlschienen verwendet, eine Technik, die zuvor bereits in den USA zum Einsatz kam.

Der Konstruktionsprozess

„Wir skizzieren das Problem per Hand, um ein besseres Gefühl für die bevorstehende Herausforderung zu bekommen. Dabei entdecken wir (sehr oft) innovative Ansätze, auf die man normalerweise nicht kommt, wenn zu viel Technologie im Spiel ist“, erklärt Pickard. „Aus dem anfänglichen Gesamtkonzept entwickeln sich dann schnell kleinere Systeme, die schließlich die Richtung für das Konstruktionsteam vorgeben.“

Schlussfolgerungen

„Wir haben genau die passende bautechnische Lösung für die Anforderungen gefunden, die an das neue Stadion gestellt wurden,“ bewertet Pickard den Prozess rückblickend. Das einfahrbare Spielfeld wurde pünktlich und budgetgerecht fertiggestellt. „Die einzelnen Puzzleteile wurden im Stadion wieder zusammengesetzt, und alles passte und funktionierte, wie es sollte“, freut sich Pickard.

Das erste Spiel der National Football League fand 2019 statt. Die Oakland Raiders besiegten die Chicago Bears 24 zu 12.

Am Mittwoch, den 3. April 2019, bestritt Tottenham sein erstes Heimspiel im neuen Stadion und gewann vor 59.215 Zuschauern mit 2:0. Am 6. Oktober 2019 besiegten dann die Oakland (heute Las Vegas) Raiders die Chicago Bears vor 60.463 Zuschauern im ersten NFL-Spiel des Stadions mit 24 zu 12.

Das Ziel, ein multifunktionales Stadion in Tottenham zu konstruieren, wurde erreicht. „Das Zwei-Felder-Konzept im Tottenham Stadium ermöglicht die Umsetzung eines enorm flexiblen Veranstaltungsprogramms“, erklärt Jones. „Zwischen September und Oktober 2021 fanden innerhalb von vier Wochen die Spiele der Premier League, ein Boxkampf um den Schwergewichtsweltmeistertitel und die Spiele der NFL London statt.“

Las Vegas | Bluebeam Revu

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