Bauen in Boston

Bauen in Boston: wenig Platz, winzige Baustellen und historische Gebäude

Der Charme der auch als Beantown bezeichneten Stadt liegt in den malerischen historischen Orten und den verschlungenen, kopfsteingepflasterten Straßen, aber genau diese Eigenschaften machen das Bauen in Boston zu keiner leichten Angelegenheit.
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Illustration von Wenjia Tang

Das Bauen in einer Stadt wird niemals so einfach sein, wie ein Einkaufszentrum auf einem leeren Baugrundstück in der Vorstadt hochzuziehen. 

In manchen Städten ist das Bauen jedoch schwieriger als in anderen. Und mit einer Geschichte, die Hunderte von Jahren zurückreicht, sowie winzigen Bauplätzen, die von mächtigen und manchmal auch peniblen Anliegern umgeben sind, kann Boston eine besondere Herausforderung darstellen. 

Während die historische Stadt einen massiven Entwicklungsboom erlebt, kann es in manchen Fällen Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, bis Projekte es vom Reißbrett auf die Baustelle schaffen. 

Die Herausforderungen enden aber nicht mit dem ersten Spatenstich, da eine sorgfältige Überwachung erforderlich ist, um Schäden an benachbarten Türmen oder historischen Strukturen zu vermeiden – nicht nur durch Erschütterungen, sondern in einem der ältesten Viertel der Stadt auch durch sinkende Grundwasserspiegel. 

Während sich Bauunternehmer in historischen Städten entlang der US-amerikanischen Ostküste und in Europa mit ähnlichen Problemen konfrontiert sehen, sind diese Herausforderungen in Boston angesichts eines Rekordaufkommens von Bauprojekten auf einer relativ kleinen Landmasse besonders ausgeprägt.

„Es gibt kein unbebautes Land“, so James Kirby, Präsident und CEO von Commercial Construction Consulting in Boston. „Im Allgemeinen geht es darum, etwas abzureißen, das als nicht denkmalschutzwürdig erachtet wird.“   

Große Gebäude auf kleiner Grundfläche

Boston hat mit nur 48 Quadratmeilen (124 Quadratkilometern) eine der kleinsten Grundflächen aller US-Großstädte. Im Vergleich dazu sind es in New York 300 Quadratmeilen (777 Quadratkilometer), in Los Angeles 468 Quadratmeilen (1.212 Quadratkilometer) und in Houston satte 600 Quadratmeilen (1.554 Quadratkilometer). 

Trotz seiner Größe findet in Boston einer der größten Baubooms aller Städte der Vereinigten Staaten statt. Mit 3,7 Milliarden $ (3,1 Milliarden €) an Bauvorhaben, die in der ersten Hälfte von 2019 begonnen wurden, übertrifft Boston viele weitaus größere Städte, darunter Los Angeles und Miami. 

Die Kombination aus vielen Baumaßnahmen auf relativ kleinem Raum bedeutet, dass der Bau eines neuen Gebäudes in Boston fast immer mit dem Abriss eines anderen Gebäudes verbunden ist. 

Das Winthrop Center, ein neuer 52-stöckiger Turm, nimmt auf einem Viertel-Hektar-Grundstück Gestalt an, wo einst ein städtisches Parkhaus stand, während der texanische Bauunternehmer Hines einen Turm auf der South Station baut.

Auch Boston Properties, einer der größten Immobilienfonds des Landes, baut einen 1,26 Millionen Quadratfuß (117.000 Quadratmeter) großen, gemischt genutzten Komplex auf einer U- und S-Bahn-Station im Stadtteil Back Bay. 

Aber allein der Weg zum Baubeginn kann manchmal Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, da sich die Bauherren mit den Schwierigkeiten einer bereits dicht bebauten städtischen Umgebung mit einer Fülle von historischen Schätzen auseinandersetzen müssen. 

Hines hat kürzlich mit dem Bau eines Turms über der South Station begonnen, einem historischen Bauwerk aus dem Jahr 1898, das den wichtigsten Knotenpunkt für Pendler in der Stadt beherbergt. 

Allerdings schlug Hines den Bau des Turms bereits Mitte der 1980er Jahre vor. Die Pläne wurden jedoch immer wieder gekippt, sodass sich das Vorhaben verzögerte. 

Die US-Luftfahrtbehörde FAA äußerte Bedenken wegen der Höhe des Turms, da die Innenstadt von Boston in der Flugschneise des nahegelegenen Logan International Airport liegt, während Kritiker vor den Auswirkungen des Bauvorhabens auf das öffentliche Nahverkehrssystem warnten. 

Millennium Partners, das Bauunternehmen des Winthrop Center, sah sich ebenfalls mit einigen Herausforderungen konfrontiert, darunter Bedenken von Denkmalschützern bezüglich der Auswirkungen, welche die Schatten des Turms auf den etwa eine halbe Meile (800 Meter) entfernten Boston Common haben würden. 



Millennium war gezwungen, die Größe des Turms zu reduzieren und das Design umzugestalten, während städtische und Bundesbeamte sich bemühten, ihn aus dem Geltungsbereich eines Bundesgesetzes auszuschließen, das effektiv jede Neubebauung verbietet, die zu einem zusätzlichen Schattenwurf auf den Common führen würde. 

Auch die endgültige Zustimmung der Stadtverwaltung zu erhalten, kann teuer werden, vor allem, wenn in unmittelbarer Nähe ein historisches Gebäude steht. 

Der Bauträger des Turms in der 33 Arch Street zahlte 750.000 $ (628.400 €), um die gemeinnützige Organisation zu entschädigen, der das Old South Meeting House gehört, ein wichtiger Versammlungsort in den frühen Tagen der US-amerikanischen Revolution. Die Betreiber des Old South Meeting House hatten den Schattenwurf des Turms auf die historische Stätte beanstandet. 

In den abschließenden Genehmigungsphasen arbeiten das Bauunternehmen und die Ingenieurteams oft daran, dass das Projekt die letzte Hürde überwindet, indem sie an wichtigen öffentlichen Anhörungen und Besprechungen im Rathaus teilnehmen.  

Herausforderungen während des Baus 

Aber für die Bauunternehmer und Ingenieure, die für den Bau dieser Projekte verantwortlich sind, signalisiert der Erhalt der für den Baubeginn erforderlichen Genehmigungen den Anfang einer Reihe von völlig neuen Herausforderungen, die mit dem Bau in beengten, historischen und dicht bebauten Städten wie Boston einhergehen. 

Die Eigentümer der Türme, welche die Baustelle am Winthrop Square umgeben, brachten während des Prüfprozesses im Rathaus von Boston verschiedene Bedenken bezüglich des vorgeschlagenen Turms vor. 

Die Eigentümer eines 32-stöckigen Hochhauses, dessen Fundament nur acht Fuß (2,4 Meter) von der Aushubstelle des Winthrop Centers entfernt ist, warnten, dass der Turm während des Bauprozesses bis zu 1,7 Zoll (4,3 Zentimeter) absinken könnte. 

Um die Auswirkungen der Bauarbeiten auf die umliegenden Türme zu überwachen, erstellte das Entwicklungs- und Bauteam des Winthrop Centers „ein ziemlich kompliziertes Mess- und Überwachungsprogramm“, so Kirby, dessen Firma an dem Projekt beteiligt war.

Während die moderneren Türme in der Nähe der Baustelle, die in den 1970er und 1980er Jahren gebaut wurden, im Hinblick auf mögliche Schäden nicht unbedingt ein Problem darstellen, gibt es auf der anderen Seite der Federal Street mehr als 100 Jahre alte Hochhäuser, die genau im Auge behalten werden müssen, so Kirby.

In der Regel werden alle angrenzenden Gebäude vorher mit Messpunkten auf dem Gehweg fotografiert, um eventuelle Absenkungen oder Risse an der Seite der Gebäude zu erkennen.

„Das schützt beide Seiten“, merkt Kirby an.

Doch nicht nur der Bau neuer Gebäude kann in einer älteren Stadt wie Boston schwierig sein. Renovierungen älterer, bestehender Gebäude bringen ihre eigenen Herausforderungen mit sich, wie Henderson Engineers bei der Umgestaltung eines Einzelhandelsgebäudes für den Juwelier Cartier in der Newbury Street in der Back Bay von Boston, die im 19. Jahrhundert entstand, feststellen musste.

Wasser ist im Bauwesen oft ein problematischer Faktor, da man in der Regel versucht, es von den Baustellen und vor allem von den Fundamenten fernzuhalten.

Aber wie andere Gebäude in der Back Bay von Boston steht das 1910 errichtete vierstöckige Gebäude auf unterirdischen Holzpfählen in einem ehemaligen Sumpfgebiet.

Wenn der Grundwasserspiegel sinkt und die Holzpfähle nicht mehr bedeckt sind, kann dies zu einer Katastrophe führen, bei der das Fundament buchstäblich verrottet.

Um sicherzustellen, dass die Pfähle feucht bleiben, installierte Henderson ein System mit unterirdischen Auffangbehältern, welches das Regenwasser vom Dach auffängt und zur Wiederauffüllung des darunter liegenden Grundwassers verwendet, so Brent Felten, Leiter des Technologieteams und Geschäftsführer der Firma.

Die Ingenieure stießen auch auf Probleme, als sie die Decke abnahmen und einen deutlich kleineren Raum vorfanden, in dem sie neue Kabel und Rohre verlegen mussten.

„Einige der größten Herausforderungen hängen mit der Tatsache zusammen, dass die Gebäude eine derart lange Geschichte haben und lebendige sowie atmende Elemente aufweisen … ein Leben und eine Geschichte, die in einigen Fällen sogar Jahrhunderte zurückreicht“, so Felten.

Häufige Herausforderungen  

Die Herausforderungen, mit denen Bauunternehmer in Boston konfrontiert sind, sind jedoch nicht völlig einzigartig.

Auch wenn die Herausforderungen in unterschiedlichen Bereichen liegen, kann das Bauen in Städten mit einer jahrhundertealten Geschichte schwierig sein.

Während in Boston oft enge Gassen ältere Gebäude voneinander trennen, ist es in New York nicht ungewöhnlich, dass ein ganzer Häuserblock über keinerlei Trennung verfügt, was die Renovierung umso komplizierter macht.

„Die Gebäude in New York stehen Seite an Seite“, erklärt Felten.

Dadurch ist es nicht möglich, die Lüftungsanlage oder andere Anlagen in einer Seitengasse oder einem Hinterhof unterzubringen. Stattdessen müssen diese Anlagen an die Fassade angebracht werden, was durch strenge städtische Vorschriften in Bezug darauf, welche Elemente angebracht werden können und welche nicht, weiter erschwert wird, so Felten.

Die Gebäude sind auch auf andere Weise miteinander verbunden.

„In einigen Fällen führen die Versorgungsleitungen für ein bestimmtes Gebäude durch ein anderes Gebäude nebenan“, erläutert Felten.  

Die Beschaffung von Materialien und Ausrüstung an einem von der Baustelle entfernten Ort kann sich ebenfalls als besonders schwierig erweisen, da ein Bereich an einem Standort außerhalb der Baustelle wie etwa ein örtliches Einkaufszentrum sowie ein gut ausgearbeiteter Logistikplan erforderlich sind. Dies ergab eine wissenschaftliche Studie über den Bau von zwei Bürogebäuden in der Innenstadt von Krakau.

Erschütterungen, Lärm und logistische Herausforderungen waren drei der sechs wichtigsten Faktoren, die Bauunternehmer berücksichtigen sollten, wenn sie in dicht bebauten, älteren Städten bauen, stellten die Wissenschaftler fest.

Kirby seinerseits berichtet, dass er in verschiedenen älteren Städten auf ähnliche Herausforderungen gestoßen ist, und erinnert sich an ein Projekt in Paris, wo eines der angrenzenden Gebäude ein 400 Jahre altes Wasserwerk war.

„Ältere Städte weisen engere Baustellen auf“, so Kirby.

Beispielhafte Gebäude für die Architektur von Stockholm