Eine junge Projektingenieurin inspiriert Frauen zu einer Karriere im Baugewerbe

Für Chimaelle Goureige war es ein Erdbeben, das sie dazu veranlasste, ihren beruflichen Werdegang in der Baubranche zu beschreiten. Heute möchte die junge Projektingenieurin selbst etwas zurückgeben und ermutigt andere junge Frauen dazu, eine Karriere im Bauwesen anzustreben.
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Video von Domonic Smith-Weston

Am 12. Januar 2010 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,0 die Insel Hispaniola, auf der die Dominikanische Republik und Haiti liegen.

Die erste Erschütterung des Bebens war bereits verheerend, doch die Nachbeben in den folgenden Tagen waren für Haiti, das seit dem 18. Jahrhundert kein Erdbeben dieser Stärke erlebt hatte, besonders zerstörerisch. Nach offiziellen Angaben der Regierung kamen rund 300.000 Menschen ums Leben. Hunderttausende überlebten zwar, verloren jedoch ihre gesamte Lebensgrundlage.

Für die junge US-Bürgerin Chimaelle Goureige, deren Eltern aus dem kleinen Karibikstaat in die USA eingewandert waren, war das Erdbeben ein einschneidendes Erlebnis. Goureige hat das Erdbeben glücklicherweise nicht selbst miterlebt, aber sie hat noch Familienangehörige, die auf Haiti leben. Seit dem Erdbeben dreht sich Goureiges Leben um ein großes Ziel: Sie will die Betroffenen unterstützen.

„Ich habe immer davon geträumt, selbst zurückzukehren und dabei zu helfen, das Land wiederaufzubauen,“ erklärt Goureige.

Eine Karriere im Baugewerbe

Der Fokus von Goureige lag so sehr auf dem Wiederaufbau Haitis, dass sie sich bei ihrer Studienfachwahl am College schnell für eine Zukunft in der Baubranche entschied.

„Schon als Kind war ich sehr praktisch veranlagt,“ erzählt Goureige, die heute als Projektingenieurin bei The Walsh Group in Atlanta arbeitet. „Ich durfte meinem Vater immer dabei helfen, Dinge zu reparieren. Das hat mein Interesse am Baugewerbe schon früh geweckt. Als ich dann in der Schule war, habe ich mir gedacht: ‚Was soll’s, schau es dir doch einfach mal an.‘ Und mir wurde schnell bewusst, dass ich später mal in der Baubranche arbeiten möchte.“

2019 schloss Goureige ihr Studium an der Kennesaw State University in Georgia mit einem Diplom in Maschinentechnik ab. Bereits vor dem Studienabschluss hatte sie ein Praktikum bei The Walsh Group begonnen, wo sie kurz darauf zur Praktikantin im Projektingenieurswesen befördert wurde, bevor sie im Mai 2019 ihre heutige Stelle antrat.


EBENFALLS AUF BUILT:


Heute ist Goureige vor allem auf Baustellen im Einsatz, wo sie bei der Koordinierung von Subunternehmerverträgen hilft, Lohnanträge verwaltet und andere Kommunikationsaufgaben übernimmt, um den reibungslosen Ablauf des Projekts zu gewährleisten.

„Es müssen viele Absprachen getroffen werden,“ erklärt Goureige. „So muss ich mich nicht nur mit den Büromitarbeitern absprechen, sondern für einen zuverlässigen Austausch zwischen den Mitarbeitern auf der Baustelle, den Subunternehmern und den Eigentümern sorgen. Nur so kann sichergestellt werden, dass alle Beteiligten auf demselben Stand sind.“

Eine Inspiration für junge Menschen

Goureige, die sich selbst noch am Anfang ihrer Karriere im Baugewerbe befindet, empfiehlt jungen Menschen, einen Beruf in diesem Feld ernsthaft in Betracht zu ziehen. Sie glaubt, dass viele junge Menschen auf der High School oder am College bei ihrer Berufswahl die Baubranche kaum in Erwägung ziehen. Für Goureige liegt das vor allem daran, dass viele ein falsches Bild von der Baubranche haben.

„Nicht jeder weiß darüber Bescheid, wie umfangreich die Arbeitsbereiche im Baugewerbe eigentlich sind,“ meint Goureige. „Beim Stichwort Baugewerbe denken viele oft nur an eine Person, die einen Helm trägt und auf einer Baustelle am Schaufeln oder Baggern ist. Unsere Branche hat jedoch so viel mehr zu bieten.“

„Ich habe immer davon geträumt, selbst zurückzukehren und dabei zu helfen, das Land wiederaufzubauen.“

Chimaelle Goureige nach ihrer Rückkehr nach Haiti, nachdem ein Erdbeben das Land 2010 zerstört hatte.

Goureige glaubt, dass junge Menschen sich vor allem für die Vielfalt der vielen verschiedenen Berufe im Baugewerbe begeistern könnten. Nicht alle, die in dieser Branche tätig sind, tragen Helme und setzen Backsteine aufeinander, merkt Goureige an. Für die Umsetzung eines Bauprojekts sind viele Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern erforderlich: Architekt:innen, Ingenieur:innen, Innenarchitekt:innen und viele mehr!

„Ich habe das Gefühl, dass viele Personen schlichtweg nicht wissen, welche Berufe die Baubranche eigentlich umfasst und wie viele verschiedene Möglichkeiten sie bietet,“ so Goureige.

„Wenn mehr aufgeklärt wird und die zahlreichen Facetten der Branche von der breiten Öffentlichkeit endlich wahrgenommen werden, bin ich mir sicher, dass viele Personen eine andere Haltung einnehmen und sich für die Branche begeistern und interessieren werden.“

Mehr Frauen in die Branche

Über ihren Traum, beim Wiederaufbau Haitis mitzuwirken, sagt Goureige, sie habe ihn noch nicht ganz Realität werden lassen. Inzwischen ist sie zwar für Familienbesuche zurück nach Haiti gekehrt, kann es aber kaum erwarten, eines Tages von der Projektingenieurin zur Projektmanagerin befördert zu werden, um sich noch mehr einbringen zu können. Außerdem plant sie, künftig mehr Zeit in Haiti zu verbringen und für ihren Onkel, der vor Ort ein Ingenieurbüro betreibt, zu arbeiten.

In der Zwischenzeit, so Goureige, möchte sie sich weiterhin dafür einsetzen, dass mehr junge Menschen, insbesondere junge Frauen, ihren Weg in die Branche finden.

„Ich weiß genau, wie es ist, als junges Mädchen vom Baugewerbe zu träumen, sich jedoch von der vermeintlichen Realität entmutigen zu lassen,“ erklärt Goureige. „Ich möchte diesen jungen Menschen Folgendes sagen: Man darf sich von niemandem vorschreiben lassen, was man zu tun oder zu lassen hat. Man sollte sich ins Zeug legen. Und wenn man sich nicht auskennt, kann man ruhig Fragen stellen. Lassen Sie aber niemanden auf sich herabschauen. Lassen Sie sich nicht einreden, dass Sie weniger wert sind oder etwas nicht erreichen können. Denn das können Sie sehr wohl.“