Frauen im Baugewerbe

Diese zwei Geschäftsfrauen überwinden Hürden auf dem Weg zum Erfolg

Das Baugewerbe wird nach wie vor weitgehend von Männern dominiert, aber diese beiden Geschäftsfrauen inspirieren angesichts anhaltender Herausforderungen mit ihrem Durchhaltevermögen.
Share on facebook
Share on linkedin
Share on twitter
Share on email

Jennifer Washington hat einen Bachelorabschluss in Biologie und einen Masterabschluss in Informatik. Sie war über 15 Jahre lang in diesen Bereichen tätig, bevor sie ihre Leidenschaft für das Baugewerbe entdeckte.

Diese Entdeckung war reiner Zufall. Nachdem sie ihr eigenes Badezimmer renoviert hatte, wurde sie von Freunden gebeten, ihnen bei ähnlichen Aufgaben zu helfen. In ihrer Freizeit übernahm sie solche zusätzlichen Projekte gerne – und verlieh den Räumen ein Aussehen wie aus einem Einrichtungsmagazin.

„Ich riss alles ab und fing komplett von vorne an“, sagt Washington, die in Washington, D.C. lebt. „Ich machte Küchen, Bäder, Terrassen und alles, worum mich meine Freunde sonst noch baten, und schließlich begann ich, ganze Häuser zu renovieren. Das hat mir riesigen Spaß gemacht.“

Dabei ist Washington keine Frau fürs Grobe. Vielmehr übernahm sie wie selbstverständlich die Rolle einer Projektmanagerin und kümmerte sich um Einstellungen, Zuweisungen von Aufgaben, Genehmigungen und die Projektverfolgung. Sie nahm an Konferenzen teil, war oft vier bis fünf Tage pro Woche damit beschäftigt, Kontakte zu knüpfen und sich zu vernetzen, und versuchte, so viele Schulungen zu besuchen sowie Zertifikate zu bekommen wie möglich.

2018 wechselte Washington von Wohnimmobilien zum kommerziellen Bau und gründete die BlueTee Construction Inc. Heute sagt sie: „Ich war in meinem Leben noch nie so beschäftigt.“

Diese Geschäftigkeit besteht jedoch auch aus Herausforderungen bzw. Hindernisse, welche für Frauen, die im Baugewerbe arbeiten, nicht ungewöhnlich sind.

„Nun besaß ich als Frau ein Bauunternehmen und gehörte damit eindeutig zu einer Minderheit, aber ich war wohl zu naiv, als ich dachte, es würde schon nicht so schwer werden“, räumt sie ein. „Ich bin ein zielorientierter Mensch und arbeite sehr hart. Als ich ins Baugewerbe einstieg, hätte ich nie gedacht, dass es so viele Hürden geben würde. Schon beim Vernetzen war ich davon ausgegangen, dass die größten Herausforderungen darin bestehen würden, Projekte zu bekommen. Jetzt weiß ich, dass das nur eine von vielen Hürden war.“

Ungefähr ein Jahr lang musste sie Kontakte knüpfen, bis sie ihren ersten Auftrag erhielt, und als dieser Schritt einmal getan war, ging die Arbeit erst so richtig los.

„Ich dachte, sie würden mich engagieren, weil ich wusste, was ich tat, aber im Nachhinein denke ich, dass viele Unternehmen eine Frau sehen und sie dann nur deshalb beschäftigen, um sie auszunutzen“, sagt sie. „Meine Generalunternehmer haben mich nur schikaniert. Ich war nicht nur die einzige Frau auf der Baustelle, sondern auch noch die einzige Person of Color.“

Washington erinnert sich an viele Sitzungen, die sie geleitet hat, in denen sie sich gegen ausschließlich männliche Gruppen durchsetzen musste, meist bei grundlegenden Themen wie Änderungen des Projektumfangs von (zumindest schriftlich) bereits vereinbarten Arbeiten.

„Sie sagten dann zu mir: ‚Nein, ich kann mich nicht erinnern, zugestimmt zu haben‘“, erzählt sie. „Schließlich musste ich sagen: ‚Wissen Sie was, meine Herren? Ich werde nicht mit Ihnen streiten. Das sind die Fakten und daran halten wir uns.‘ Ich musste zur Superfrau werden, nur um berechtigte Forderungen durchzusetzen, auf die ich ein Recht hatte.“

Etwa 4.000 Kilometer westlich davon – in Seattle – lebt Boo Torres. Sie kennt Washingtons Kummer nur zu gut. Torres ist Mitbegründerin von Tribal Electric, dem einzigen weiblich und queer geführten Elektrounternehmen in Seattle. Torres ist für den Außendienst zuständig, während ihre Frau Joanna Alcantara das Front Office leitet.

Torres arbeitet seit fast 20 Jahren als Elektrikerin und hat eine besondere Leidenschaft dafür, zu zeigen, dass Frauen – und insbesondere queere People of Color – in diesem Beruf erfolgreich sein können. Dieses Interesse begann, als sie vor vielen Jahren eine Baumesse in Seattle besuchte, zum Tisch der Elektriker ging und dort zwei Frauen sah, die ihr ähnlich sahen.

„Ich sah zwei Frauen mit dunkler Hautfarbe und dachte: ‚Wow. Ihr seht aus wie ich. Vielleicht bedeutet das, dass ich so etwas auch machen kann‘“, erinnert sich Torres. „Ich habe mit ihnen gesprochen und sie haben mir davon vorgeschwärmt, wie toll es ist, Elektrikerin zu sein. Es gibt da den sogenannten FBI-Witz, der besagt, dass man nur reinkommt, wenn der Vater, Bruder, Schwager oder Schwiegervater schon dort arbeitet. Die beiden haben mir gezeigt, dass auch ich eine erfolgreiche Elektrikerin sein kann. Das war ein riesiger Wendepunkt für mich.“

Heute konzentriert sich Torres auf die Einstellung und Betreuung von Frauen und nicht binären Menschen in ihrem Unternehmen. Sie sagt aber auch, dass die Baubranche noch einen langen Weg vor sich hat, wenn es um Fragen der Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion geht.

„Auf großen Baustellen ist Rassismus immer noch allgegenwärtig – genauso wie Homophobie, Sexismus und Transphobie“, sagt sie. „Du denkst, diese Dinge sind vorbei, vor allem weil in Büros inzwischen so viel darüber gesprochen wird, aber hier auf den Baustellen sind sie immer noch sehr präsent.“

Zwei Wege zur Veränderung

Diejenigen in der Baubranche, die eine integrativere Kultur anstreben, sind gut beraten, wenn sie die folgenden Maßnahmen in ihren Unternehmen durchführen:

Bauen Sie eine Null-Toleranz-Kultur auf

Diese beginnt bei den Führungskräften, so Torres, die Respekt und Akzeptanz ausstrahlen und sich um eine inklusive Ausdrucksweise und um gendergerechtes Handeln bemühen müssen. Sowohl Torres als auch Washington betonen, dass Männer, die sich negativ über Frauen, nicht binäre Menschen und People of Color äußern (dazu gehören auch sogenannte „harmlose“ Witze), von anderen Mitarbeitern zur Rede gestellt werden müssen.

„Heterosexuelle weiße Männer, die in diesen Berufen arbeiten, müssen ihre Kollegen zurechtweisen, wenn sie etwas falsch machen“, fordert Torres. „Es sollte nicht meine Aufgabe sein, Männern zu sagen, dass sie nicht sexistisch sein sollen.“

Washington sagt, eine Zurechtweisung durch einen Mitarbeiter sei „extrem hilfreich, denn es ist so, als würde der große Bruder sagen: ‚Weißt du was? Du kannst das nicht sagen. Das gehört sich nicht.‘ Ich glaube, dass man auf diese Weise eine höhere Chance hat, solches Verhalten zu stoppen.“

Eine Null-Toleranz-Kultur sollte auch angemessene Bezeichnungen für Schulungen umfassen.

„Wir müssen aufhören, von ‚Sensibilisierungstrainings‘ zu sprechen. Im Baugewerbe geht es niemandem um Sensibilität“, sagt Torres. „Du benutzt das Wort und alle Männer sind raus. Ich höre oft, dass Unternehmen sexuelle Belästigung nicht tolerieren, aber da ist das Gespräch dann auch schon wieder zu Ende. Ich will Beispiele hören, was ich nicht machen darf, wie zum Beispiel: Flirte nicht mit dieser Frau. Mach keine Witze über Leute, das ist nicht lustig. Die Leute brauchen eindeutige Beispiele dafür, was angemessen ist und was nicht.“

Männer müssen offen für Veränderungen sein

„Männer sind es gewohnt, dass der Bau auf eine bestimmte Art und Weise von einer bestimmten Gruppe von Menschen ausgeführt wird“, berichtet Washington. „Es herrscht ein hohes Maß an Sexismus im Baugewerbe und ich denke, es gibt erst dann eine echte Veränderung, wenn Generalunternehmer es schaffen, ihre derzeitigen Ansichten über Frauen in dieser Branche hinter sich zu lassen. Sie müssen ihnen auf Augenhöhe begegnen, müssen sie und ihre Arbeit respektieren und ihnen eine Stimme sowie einen Platz am Tisch einräumen.“

„Frauen, die in dieser Branche arbeiten“, so Washington abschließend, „ebnen wir den Weg, dem weitere Frauen ins Baugewerbe folgen können.“

So können Soft Skills die Führungskultur in der Bauindustrie verändern.