Raum für Innovationen: So sorgt man für eine Denkweise, in der Platz für neue Ideen ist

Die Baubranche muss eine Denkweise annehmen, die Innovationen möglich macht, aber nicht blind andere Branchen kopiert
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Illustration von Kim Salt

Veränderungen sind unumgänglich. Ob es sich dabei um neue Technologien, neue Anforderungen oder wie in jüngster Zeit um eine globale Pandemie handelt – jede Branche muss sich entsprechend anpassen und innovativ sein. Die Baubranche bildet da keine Ausnahme.

Die Baubranche steht jedoch vor einzigartigen Herausforderungen. Für zahlreiche Bauprojekte sind umfangreiche Investitionen im Voraus und die Einhaltung kurzer Fristen erforderlich. Dadurch können Unternehmen ihre Innovationskraft nicht so leicht ausschöpfen, wie es in anderen Sektoren der Fall ist.

Laut Ricardo Vargas, Autor und Berater für Projektabwicklung und Geschäftsführer der Brightline Initiative, laufen Innovationen in der Baubranche anders ab als beispielsweise im Technologiesektor, der sich durch seine disruptiven Innovationen auszeichnet. „Etwas auszuprobieren, damit zu scheitern und dann einfach zum nächsten Versuch überzugehen, ist in der Baubranche nicht möglich, da die Kosten immens hoch wären“, so Vargas.

Wie also schaffen es Bauleiter in einer Welt, die von sprunghaften Innovationen und rasanten Veränderungen geprägt ist, eine innovative Denkweise zu fördern und gleichzeitig Projekte innerhalb des Zeit- und Budgetrahmens abzuschließen?

Aufbau eines offenen, kreativen Umfelds

Vargas ist trotz einiger wesentlicher Strukturunterschiede zwischen den beiden Sektoren der Ansicht, dass große Technologieunternehmen in mancherlei Hinsicht als Vorbilder dienen können, wenn es um die Förderung von Innovationen und Veränderungen geht.

Laut Vargas sollten sich Bauleiter aber vor allem Folgendes fragen: „Was kann ich von dieser extrem disruptiven Branche lernen und auf unsere Infrastrukturen übertragen?“ „Wir sollten unser Augenmerk darauf legen, wie sie kommunizieren, Mitarbeiter einbinden, Führungsstärke fördern und versuchen, mit neuen Konzepten zu experimentieren.“

Wenn wir Innovationen in der Baubranche vorantreiben wollen, müssen wir eine offene, kreative Atmosphäre schaffen, wie wir sie typischerweise von Technologieunternehmen kennen. Vargas warnt jedoch auch, dass ein solches Umfeld nicht immer förderlich für die Arbeitsprozesse im Baugewerbe ist. Bauleiter müssen letztendlich zwei Denkweisen miteinander vereinen: eine offene, kreative, um Raum für neue Ideen zu schaffen, und eine pragmatischere, um diese Ideen auch in die Realität umzusetzen.

Erfolgreiche Innovatoren sind sich jedoch bewusst, dass es mit der Entwicklung neuer Ideen noch nicht getan ist. Samad Sepasgozar, Dozent für Projektmanagement im Baugewerbe an der University of New South Wales in Australia, ist der Ansicht, dass die Arbeitskräfte, das Unternehmen und die Branche im Allgemeinen bereit für Innovationen und die damit einhergehenden Veränderungen sein müssen.

Es geht dabei um folgende Fragen: Hat die Branche selbst die Infrastruktur und Mentalität, eine aufstrebende Technologie oder einen neuen Prozess zu integrieren? Ist das Unternehmen dazu bereit, Zeit und Geld in die jeweilige Innovation sowie in Schulungen zu investieren? Verfügen die Arbeitskräfte über die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten, um die Neuerung optimal zu nutzen?

Die Implementierung einer Innovation kann an jedem dieser Punkte scheitern.

Das Unternehmen Haskell und dessen Entwicklung durch Innovationen

Das Bauunternehmen Haskell musste erst seine ganz eigenen Erfahrungen in diesem Bereich machen: 2018 schuf das in Jacksonville im US-Bundesstaat Florida ansässige Unternehmen einen Nebenzweig namens Dysruptek. Ziel war es, neue Technologien zu identifizieren, in diese zu investieren und sie in die Projekte von Haskell zu implementieren.

„Wir starteten mit voller Kraft durch: Wir sahen uns nach neuen Technologien um, die uns besser und effizienter arbeiten ließen und entwickelten auch mehrere vielversprechende Konzepte“, erzählt Hamzah Shanbari, Manager of Construction Technology and Innovation. „Am Anfang haben wir einfach den Projektmanagern neue, von uns evaluierte Technologien vorgeschlagen und sie gebeten, diese in Zukunft anzuwenden. Bei Fragen konnten sie sich selbstverständlich an uns wenden. Allerdings hat das nicht so gut funktioniert.“

In vielen Fällen stimmten die Projektmanager nicht mit Dysruptek überein, wenn es um die Frage ging, wo Effizienzmängel vorlagen. „Im Grunde versuchten wir, den Mitarbeitern im Unternehmen neue Technologien aufzudrängen, und das war keineswegs zielführend“, fährt Shanbari fort. „Daher haben wir unsere Vorgehensweise geändert.“

Heute untersucht Dysruptek noch immer laufend neue aufkommende Technologien in der Baubranche und stellt sich dabei die Frage: „Welches Problem wollen wir eigentlich lösen?“ Jetzt werden jedoch auch die Projektmanager konsultiert und gefragt, mit welchen Problemen sie sich auseinandersetzen. Es wird ermittelt, in welchen Bereichen Projektmanager offen dafür sind, neue Technologien zu testen. Erst im nächsten Schritt präsentiert ihnen Dysruptek mehrere zuvor gründlich getestete Lösungen.

Die größte Herausforderung für Dysruptek besteht noch immer darin, sich die volle Unterstützung aller Beteiligten zu sichern. Untersuchungen zufolge sinkt die Leistung, wenn neue Technologien oder Prozesse implementiert werden. Für kleinere Unternehmen oder Projekte mit knappen Margen besteht darin das Hauptproblem.

„In Sektoren wie der Baubranche geht es vor allem darum, einen Anhaltspunkt zu haben“, so Sepasgozar. „Das bedeutet, dass Projektmanager anhand eines Beispiels sehen müssen, wie die jeweilige Technologie zum Einsatz kommt und wie dadurch die Produktivität, Sicherheit oder Qualität gesteigert werden kann.“

Wenn man eine Denkweise in der Baubranche verankern möchte, die erfolgreiche Innovationen begünstigt, kommt es laut Shanbari letztendlich auf Folgendes an: Man muss dafür sorgen, dass jeder Mitarbeiter im Unternehmen das Projekt und die Unternehmensmission im Allgemeinen unterstützt.

„Es fängt wirklich bei den Mitarbeitern an“, sagt Shanbari. „Je mehr wir mit ihnen über das große Ganze sprechen und darüber, was Innovationen letztlich bewirken, desto besser. Wir versuchen, nicht nur einen bestimmten Arbeitsablauf oder ein Arbeitspensum zu ändern oder mehr Geld für neue Technologien auszugeben. Es ist unser Ziel, die Effizienz zu steigern – und zwar nicht als Individuum, sondern als gesamtes Unternehmen.“

Die Bauindustrie hat sich historisch gesehen nur langsam an neue Technologien angepasst. Hier erfahren Sie, wie sich das langsam ändert.