Kreislaufwirtschaft im Baugewerbe: Die grüne Zukunft unserer Städte

Bis 2050 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Dies wird mit einem steigenden Rohstoffbedarf einhergehen und die Ressourcenknappheit auf der Erde verschärfen. Doch durch eine sorgfältige Planung wird es möglich sein, nachhaltige Kreislaufstädte aufzubauen, die darüber hinaus die Entwicklung einer gerechteren Wirtschaft fördern werden.
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Die Zukunft der Stadtplanung

Fast die Hälfte der aktuellen Weltbevölkerung (7,9 Milliarden) wohnt in städtischen Gebieten. Laut mancher Prognosen soll dieser Anteil bis 2050 auf zwei Drittel der erwarteten Weltbevölkerung von etwa 9 Milliarden ansteigen.

Da immer mehr Menschen in die Stadt ziehen, angelockt durch bessere Beschäftigungsaussichten und eine höhere Lebensqualität, wird der Druck auf die Umgebung stetig größer. Nach Angaben der Ellen MacArthur Foundation werden Stadtbewohner:innen im Jahr 2050 75 % der natürlichen Ressourcen der Erde verbrauchen, 50 % des weltweiten Abfalls produzieren und mehr als 60 % der weltweiten Treibhausgasemissionen verursachen.

Da liegt es auf der Hand, dass die Ausdehnung der Städte ohne kompensierende Abhilfemaßnahmen potenziell lang anhaltende Probleme für die dort lebenden Menschen sowie für ihre Umwelt bereiten wird.

Die Vorteile der Kreislaufstadt

Obwohl sie also eindeutig negative Auswirkungen auf die Umwelt haben können, steckt in unseren Städten doch auch das Potenzial, uns den Weg für eine umweltfreundlichere Gesellschaft zu ebnen. In Anbetracht der Größe unserer Städte und ihres optimalen Zugangs zu Ressourcen und Abfallbewirtschaftungssystemen sehen einige die Möglichkeit, sie zu „circular cradles“ (zirkulären Wiegen) weiterzuentwickeln. Das bedeutet, dass Ressourcen in diesen modernen Städten nicht „von der Wiege bis ins Grab“ genutzt werden – und am Lebensende nicht mehr nutzbar sind –, sondern immer wieder als Rohstoffe zurück in den Kreislauf gelangen (also quasi von der Wiege zurück in die Wiege). Städte würden somit zu Ökosystemen werden, in denen kreislauforientierte Lösungen für dringende Probleme und Herausforderungen erarbeitet und in die Praxis umgesetzt werden.Durch die richtige Planung und Verwaltung könnten wir mit unseren Kreislaufstädten demnach die Kreislaufwirtschaft auf verschiedene Weise fördern.

Was ist eine Kreislaufwirtschaft?

Im Circular City Funding Guide (CCFG), der unter der Schirmherrschaft der Europäischen Plattform für Investitionsberatung erstellt wurde, wird eine Kreislaufwirtschaft als ein Wirtschaftssystem definiert, „in dem der Wert und die Lebensdauer von Materialien, Produkten und Vermögenswerten maximiert wird, damit diese so lange wie möglich im System erhalten werden.“

Was ist das Kreislaufprinzip?

„Das Kreislaufprinzip bezieht sich auf die effiziente (Wieder-)Verwendung und das Recycling von Ressourcen, Materialien und Produkten in geschlossenen Schleifen. Somit ist es ein Wirtschaftsmodell, das eine nachhaltige Entwicklung fördert. Dabei soll der Übergang von der traditionellen linearen Wirtschaftsweise – sprich Verbrauch mit anschließender Entsorgung – zu einem Modell vollzogen werden, bei dem der Einsatz und die Lebensdauer von Produkten verlängert und die Materialnutzung und Abfallproduktion minimiert werden“, heißt es weiter im CCFG.

Die Verantwortlichen der Ellen MacArthur Foundation nennen ihrerseits drei Grundsätze, die ihrer Meinung nach eine Kreislaufwirtschaft kennzeichnen:

  • Werterhaltung durch geplante Vermeidung von Abfall und Verschmutzung
  • Optimierung der Ressourcennutzung durch die Wiederverwendung von Produkten und Materialien
  • Implementierung einer wirksamen Strategie, die zur Regeneration der natürlichen Systeme beiträgt

Das Baugewerbe im Zeichen der Kreislaufwirtschaft

Mit Wegweisern wie diesen können wir in unseren Städten definitiv große Veränderungen anstoßen, von denen theoretisch alle Beteiligten profitieren. So suchen aktuell Stadtverwaltungsmitarbeiter:innen in vielen Ländern – unterstützt von einer Reihe von Umweltorganisationen – nach Möglichkeiten, die Entwicklung von zirkulären Wirtschaften zu fördern, um die Nutzung von Materialien und Dienstleistungen zu maximieren, Abfälle zu minimieren sowie die Infrastruktur, den Wohnraum und die Wohnqualität zu verbessern.

In vielen Kommunen orientiert man sich dabei an dem Leitspruch „reduce, reuse, recycle“ – also „reduzieren, wiederverwenden, recyceln“. Konzepte für Kreislaufwirtschaften setzen hingegen auf Anlagestrategien, Gemeinschaftsprojekte und politisches Engagement.

Grundsätze für das zirkuläre Design: Wiederverwendung von Materialien, bessere Abfallwirtschaft

Auch in Bauunternehmen, die mit umweltbewussten Kund:innen zusammenarbeiten, wird aktuell nach Möglichkeiten gesucht, die Kreislauffähigkeit von Projekten zu erhöhen. Immer mehr setzt sich heute die Auffassung moderner Gebäude als Materialbanken oder Rohstoffdepots durch. Sie sollen neben ihrer eigentlichen Verwendung auch als Lager für hochwertige Materialien dienen, die einen beträchtlichen wirtschaftlichen Wert haben und leicht wieder abgebaut und wiederverwendet werden können. Am Ende ihrer natürlichen Lebensdauer sollen die verbauten Materialien nicht als Bauschutt gehandelt werden, der nach dem Rückbau nur noch zur Auffüllung von Schlaglöchern in Straßen verwendet werden kann.

Einige Gebäude werden heutzutage zudem bereits auf abfallreduzierende Weise gestaltet und gebaut. Bauprojekte erhalten „Materialpässe“, in denen die Komponenten des jeweiligen Gebäudes identifiziert und nachverfolgt werden, sodass man sie später leicht wiederverwenden kann.

Der U.K. Green Building Council hebt eine Reihe von Projekten hervor, bei denen Material aus abgerissenen Gebäuden wiederverwendet wurde, um andere Projekte zu verwirklichen – darunter „Resource Rows“ in Kopenhagen, Dänemarks erstes Wohngebiet, das aus den Materialien ungenutzter Häuser gebaut wurde.

Laut der Europäischen Umweltagentur (EUA) können ein qualitätsoptimiertes Recycling und eine verstärkte Abfallvermeidung erzielt werden, indem man gegen wettbewerbswidrige Preisstrategien vorgeht, die Qualität sekundärer Materialien fördert und bessere Informationen über die in bestehenden Gebäuden verwendeten Materialien erhebt und bereitstellt.

Zirkuläres Bauen auf der ganzen Welt

Die Niederlande

Was die praktischen Beispiele betrifft, so gilt Amsterdam als einer der ersten Pioniere des Kreislaufstadtkonzepts. In einem Bericht der gemeinnützigen Organisation Circle Economy werden die Vorteile einer kreislauforientierten Lieferkette für den Bausektor der Stadt hervorgehoben.

Dem Bericht zufolge hat Amsterdam das Potenzial, die Treibhausgasemissionen erheblich zu reduzieren und gleichzeitig den Materialverbrauch durch Wiederverwendungsstrategien um 500.000 Tonnen zu senken.

Die Autor:innen des Berichts erklären, dass die Stadt durch die Schaffung einer kreislauforientierten Gebäudeversorgungskette eine Produktivitätssteigerung von 3 % im Wert von 85 Millionen Euro pro Jahr erzielen könnte, obwohl dies natürlich nicht „über Nacht“ geschehen würde.

Schweden

In der schwedischen Stadt Umeå werden lokale Unternehmen und Gemeinschaftsgruppen durch einen entsprechenden Strategieplan gezielt darin unterstützt, nachhaltige Projekte umzusetzen. Dadurch soll der Wechsel zu einer umweltfreundlicheren und „faireren“ Wirtschaft beschleunigt werden, die nachhaltigere Transport- und Mobilitätsnetzwerke umfasst.

Laut Plan besteht eine zentrale Herausforderung darin, die verschiedenen Interessengruppen darin zu bestärken, die Optimierungsmöglichkeiten innerhalb der Kreislaufwirtschaft zu erkennen, anstatt dieses Modell nur als einen weiteren Recyclingansatz anzusehen.

Gemeinsam den Kreislauf schließen

Die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft sollen zukünftig in die Stadtplanung einfließen und den Bau grüner Städte fördern, indem sie bereits in der Projektierungsphase berücksichtigt werden. Nach Ansicht von Expert:innen werden die städtischen Planungsabteilungen auf diese Weise eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Kreislaufstädte spielen.

Laut Jo Williams, Direktorin des Circular Cities Hub und außerordentliche Professorin für nachhaltigen Städtebau an der Bartlett School of Planning, UCL, ist es wichtig, dass die Stadtverantwortlichen darüber nachdenken, wie sie solchen Anpassungen offener gegenüberstehen können.

„Städtische Behörden müssen sich überlegen, wie sie diesen Wandel durch neue Entwicklungen unterstützen werden. Wie können sie dazu beitragen, dass Gebäude zurückgebaut, wiederaufgebaut und erneuert werden, ohne dass dabei Abfall entsteht? Es muss Raum für diese Art von umweltfreundlicher Infrastruktur, aber auch für Innovationen gemacht werden“, fügt sie hinzu.

Die Schaffung einer Kreislaufstadt, die auf sozial, wirtschaftlich und ökologisch verantwortungsbewusste Weise funktioniert, stellt zweifellos eine Herausforderung dar. Sie erfordert ein hohes Maß an Engagement und Zusammenarbeit der Beteiligten sowie Investitionen und politische Unterstützung. Aber es ist ermutigend, so viele Menschen auf der ganzen Welt zu sehen, für die sich der Einsatz lohnt.

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