McGee hob für das sechsstöckige Kellergeschoss des The Londoner 75.000 m³ Erde aus. Quelle: McGee

Keller der Superlative: So graben einige Londoner nach Luxus

Da Planungsvorschriften die Gestaltungsmöglichkeiten von oberirdischen Umbauten einschränken, suchen Bauunternehmer und Eigentümer unterirdisch nach mehr Raum.
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Sofern COVID-19 dies zulässt, öffnet nächstes Jahr ein neues Hotel im Herzen Londons seine Pforten für zahlende Gäste.

Neue Hotels werden am laufenden Band eröffnet. Was ist also so besonders am The Londoner? Das von Woods Bagot mit Unterstützung von Arup entworfene Gebäude beherbergt nicht nur die üblichen geschmackvoll eingerichteten Hotelzimmer sowie glanzvolle Bars, Restaurants, Veranstaltungsräume und gleich zwei Kinosäle, sondern verfügt nach Angaben des Architekten auch über den tiefsten bewohnbaren Kellerbereich überhaupt.

Quelle: Woods Bagot
The Londoner, das neueste Hotel in London, öffnet nächstes Jahr seine Pforten.

Laut des Bauunternehmers McGee hat es mit sechs Stockwerken (das entspricht 34 Metern) definitiv den tiefsten Keller in der britischen Hauptstadt.

Die Bauarbeiten am Leicester Square wurden vor fast sechs Jahren aufgenommen. Das Odeon-Kino, das dort zuvor stand, wurde abgerissen und im April 2016 begannen dann die Konstruktionsarbeiten für den Kellerbereich. Bis Februar 2017 hatte das Unternehmen 75.000 m³ Erde ausgehoben und 1.600 Tonnen temporäre Stahlrohrstützen installiert. 

McGee baute anschließend den sechsstöckigen Keller wieder bis zum Erdgeschoss auf und installierte 400 Tonnen Baustahl. Dann ging es mit dem neunstöckigen Überbau weiter, der von der Eingangsebene im Erdgeschoss aus gemessen 31 Meter hoch und vom tiefsten Punkt der Ausgrabung aus gemessen 65 Meter hoch ist.

Mehr als die Hälfte der Nutzfläche des Gebäudes liegt also unter der Erde.

Der Querschnitt des Hotels zeigt, dass mehr als die Hälfte der Nutzfläche unter der Erde liegt.

Keller liegen im Trend

Ein beeindruckender Kellerausbau ist nicht nur schicken Hotels vorbehalten. Für solche Ausbauten entscheiden sich in vielen Fällen auch wohlhabende Privatpersonen, die bei der Renovierung ihrer ohnehin bereits stattlichen Anwesen neue Höhen (oder Tiefen) – wortwörtlich sowie im übertragenen Sinne – erreichen möchten, aber dabei von lokalen Planungsvorschriften, die die Höhe und Breite von Umbauten begrenzen, eingeschränkt werden.

Diese Einschränkungen führen oft dazu, dass sich Eigentümer bei Ausbauten, die nicht in die Höhe und nicht in die Breite gehen dürfen, dafür entscheiden, in die Tiefe zu gehen. Solche Ausbauten sind natürlich weniger weitläufig als die des Hotels The Londoner. Sie sind aber dennoch kostspielig und zeugen vom Vermögen der Eigentümer.

Quelle: Woods Bagot
Im Keller des Hotels sind zwei Kinosäle sowie Veranstaltungsräume untergebracht. Foto: PTP Architects.

Vor zwei Jahren veröffentlichte die Newcastle University einen Bericht mit dem Titel „Mapping the Subterranean Geographies of Plutocratic London“. Schätzungen zufolge wurden zwischen 2008 und 2017 in den folgenden sieben wohlhabenden Stadtvierteln etwa 4.650 Ausbauten genehmigt, die in die als „elitärer Kellerausbau von Wohnhäusern“ bezeichnete Kategorie fallen: Camden, Hammersmith & Fulham, Haringey, Islington, Kensington & Chelsea, Westminster und Wandsworth.

Im Zusammenhang mit dem Wohlstand vieler Einwohner dieser Stadtviertel erwähnt der Bericht auch, dass sich fast die Hälfte aller genehmigten Kellerausbauten – 2016 – in nur zwei der genannten Stadtviertel befinden: Hammersmith & Fulham sowie Kensington & Chelsea.

Den Wissenschaftlern zufolge sind die meisten einstöckigen Keller etwa 3 Meter tief und die meisten zweistöckigen Keller ca. 6 Meter tief. Der tiefste Ausbau ist sogar „stolze 18 Meter“ tief.

„Zusammengenommen erreichen die 4.650 Keller eine Tiefe von etwa 15.300 Metern“, so der Bericht weiter. „Wenn man einen etwas plumpen Vergleich anstellen möchte, dann ist das fast 50 Mal so hoch wie The Shard, das derzeit höchste Gebäude in London.“

Sport im Keller

Und wenn diese unterirdischen Räumlichkeiten fertiggestellt sind, was befindet sich dann darin? Laut den Wissenschaftlern der Newcastle University ist in mehr als einem Fünftel aller untersuchten Keller ein Fitnessstudio untergebracht. In einem von zehn befindet sich ein Kinosaal, 8 % verfügen über Weinlager und ein ähnlicher Prozentsatz über ein Schwimmbad.

Einer der Umbauten, die der Universität bekannt sind, verfügt sogar über zwei Schwimmbäder – eines davon mit eigenem Strand.

Quelle: McGee
8 % aller unterirdischen Umbauten verfügen über Schwimmbäder. Foto: PTP Architects.

Solche Projekte übersteigen das Budget von den meisten von uns. Derartige Ausbauten sind definitiv im oberen Marktsegment angelegt, so Peter Tigg, Managing Director der auf Kellerprojekte spezialisierten Firma PTP Architects.

Angesichts zunehmender Versuche seitens lokaler Behörden, die Ausmaße von Unterkellerungen einzuschränken, kommen zwei- oder dreistöckige Keller nicht häufig vor, so Tigg. Auch Einschränkungen im Hinblick darauf, was mit einem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude gemacht werden darf, spielen eine Rolle.

Es gibt jedoch Bauvorhaben, die umgesetzt werden – trotz der Unannehmlichkeiten, die ein Bauprojekt von zwei oder drei Jahren verursachen kann. Die Kosten solcher Projekten sind wesentlich höher als jene von überirdischen Projekten. So muss z. B. sichergestellt werden, dass die unterirdische Konstruktion dem Druck, der von dem umliegenden Erdreich ausgeht, standhält. Dennoch werden diese Ausgaben gerne in Kauf genommen – nicht zuletzt, weil durch das Bauen „nach unten“ potenziell wesentlich mehr Raum geschaffen werden kann als durch das Bauen „nach oben“, erläutert Tigg.

„Der Bauunternehmer bzw. die Eigentümer möchten den Raum wirklich optimal nutzen. Keller sind für sich alleine genommen nicht besonders nützlich. Sie sind im Grunde einfach nur ein Loch im Boden“, so Tigg weiter. „[Dieser Raum] muss gut in den Rest des Hauses integriert sein. Beides muss einfach gut miteinander funktionieren.“

Daher dreht sich bei einem „Riesenkeller“ alles um Funktionalität und die Gestaltung. Die künftigen Gäste des Hotels The Londoner werden dies nach der Eröffnung im nächsten Jahr sicher bestätigen.