Warum psychische Gesundheit im Baugewerbe nicht ignoriert werden darf

Angesichts des negativen Image der Branche und der hohen körperlichen Belastung kommen Bauunternehmen nicht darum herum, gezielt für das mentale Wohlbefinden ihrer Arbeitskräfte zu sorgen
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In der Baubranche ist man hart im Nehmen.

Egal, ob es sich um Architekten oder Ingenieure im Büro oder Bauarbeiter auf der Baustelle handelt – die Arbeitstage sind lang und die Fristen kurz. Zudem geht es bei allen Projekten um eine Menge Geld und oft stehen Millionen von Euro auf dem Spiel.

„In der Baubranche geht es immer darum, die Arbeit noch schneller zu erledigen“, sagt Baugeselle Marc Golembiewski. „Ich versuche immer, mein tägliches Arbeitspensum so schnell wie möglich zu bewältigen, ohne dass dabei die Qualität leidet. Aber der Arbeitstag hat eben nur 12 Stunden.“

Bauberaterin Kelly Shauna kennt den Druck in der Branche. Sie arbeitet regelmäßig 90 Stunden pro Woche. „In der Baubranche können Prozesse nur schwer vereinfacht werden. Es gibt eine Menge Faktoren, die da hineinspielen“, erklärt Shauna. „Man muss aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt sein, um damit klarzukommen. Wenn ein Kollege im Team versagt, dann kann darunter das ganze Projekt leiden.“

Solche herausfordernden Bedingungen können zu einer ganzen Flut von psychischen Problemen führen. Neben drohenden Burn-outs müssen Bauarbeiter zusätzlich mit der körperlichen Belastung und den Schmerzen, die von ihrer Arbeit kommen, fertig werden.

Körperliche Schmerzen können sich wiederum negativ auf psychische Probleme auswirken. Denn schmerzende Verletzungen beeinträchtigen die Lebensqualität auch außerhalb der Arbeit.

Ein Problem, das sich durch die gesamte Branche zieht

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum Arbeitnehmer im Baugewerbe besonders anfällig für psychische Erkrankungen sind.

„Die Angestellten im Baugewerbe sind besonders gefährdet“, so Cal Beyer, Vizepräsident für Arbeitnehmerrisiken und Mitarbeiterwohl bei CSDZ, einem Versicherungsunternehmen, das auf Risikomanagement im Baugewerbe spezialisiert ist. „In der Branche setzt man noch auf die alte Schule. Es herrscht immer noch eine raue Arbeitskultur und dem Körper wird viel abverlangt.“

Durch die andauernde COVID-19-Krise hat sich die Belastung der Bauarbeiter noch weiter erhöht. In der Branche, die schnell als „systemrelevant“ eingestuft wurde, wird versucht, effizient zu arbeiten, ohne dabei die Sicherheit der Mitarbeiter zu beeinträchtigen.

„Die zunehmende oder stärkere Belastung, die Sorgen und die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie sind in der gesamten Branche zu spüren“, sagt Beyer. „Zu den Stärken unserer Branche zählt sicherlich, dass auf der Baustelle enger Zusammenhalt und ein starkes Gemeinschaftsgefühl herrschen – es gibt regen Austausch und viel Kontakt unter den Kollegen. Die neuen Abstandsmaßnahmen wirken sich jedoch negativ auf diese Aspekte aus und erschweren die Kommunikation unter den Kollegen.“

Dazu kommt die größere finanzielle Unsicherheit, von der viele Mitarbeiter betroffen sind. „In vielen Branchen unserer Gesellschaft leben die Arbeitnehmer von einer Gehaltszahlung zur nächsten. Drohende Gefahren wie Einkommensverluste, Baustellenschließungen, der Aufschub oder die Verzögerung von Projekten sorgen für Ängste“, erläutert Beyer.

Diese Probleme lassen sich jedoch nur schwer aus dem Weg räumen, da in der ganzen Branche tendenziell nicht offen genug mit dem Thema psychische Gesundheit umgegangen wird.

Die Technikerin Claire Cooper kennt das nur allzu gut: „Meiner Erfahrung nach hält die Art und Weise, damit umzugehen, die Menschen davon ab, über ihre Sorgen und Probleme zu sprechen“, erzählt Cooper. „Man kann nicht einfach davon ausgehen, dass die Arbeitnehmer von sich aus von ihren Problemen erzählen. Es braucht engagierte Vorgesetzte und Kollegen, die sich aktiv um das Wohlergehen der anderen kümmern.“

Folgende Maßnahmen können helfen

Laut Beyer ist es auf individueller Ebene wichtig, dass sich die Mitarbeiter die nötige Zeit nehmen, ihre psychischen Probleme anzugehen. „Es ist eine Aufgabe der gesamten Branche, den Arbeitnehmern Selbstfürsorgetechniken an die Hand zu geben und seelische Gesundheit zu thematisieren“, so Beyer. Mitarbeiter sollten über gesunde Ernährung, ausreichende Flüssigkeitsaufnahme, die Reduzierung des Alkoholkonsums sowie über die Bedeutung von erholsamem Schlaf aufgeklärt werden – diese Themen eignen sich wunderbar als Ausgangspunkte.

Beyer schlägt außerdem vor, dass Mitarbeiter ihre psychische Gesundheit gezielt mithilfe von Achtsamkeitsübungen – einer Art Meditationsübung – zusätzlich zu den im vergangenen Jahrzehnt immer beliebter gewordenen Stretching-Übungen fördern sollten. „Ich glaube, wenn wir über die täglichen Stretching-Übung hinausgehen und Achtsamkeitstechniken miteinbauen, dann können wir die Mitarbeiter dabei unterstützen, ihr Wohlbefinden in die eigene Hand zu nehmen“, fährt Beyer fort.

Für viele Arbeitnehmer wirken sich überraschend einfache Aktivitäten positiv auf ihre psychische Gesundheit aus: „Vor COVID-19 habe ich mir einmal im Monat eine Maniküre/Pediküre gegönnt“, erzählt Bauingenieurin Justine Fraser. „Ich habe außerdem gelernt, meinen Vorgesetzten und Kollegen mitzuteilen, wenn ich arbeitstechnisch voll ausgelastet bin. Und ich scheue nicht mehr davor zurück, ein spätes Meeting oder extra Arbeit abzulehnen. Ich liebe meinen Job, aber mit zwei kleinen Kindern muss ich zuerst auf mich selbst schauen.“

Schreinerin und Klempnerin Rachel Carter stimmt zu: „Ich liebe die praktische Arbeit, aber manchmal ist es schon sehr kräftezehrend. Nach dem ganzen Baustellenlärm entspanne ich mich gerne an einem stillen Fleckchen am Fluss oder bei einem Spaziergang im Wald. Und ein heißes Bad lindert meine Muskelschmerzen.“

Raum für Kommunikation schaffen

Eines der wichtigsten Dinge, die Arbeitgeber für die psychische Gesundheit in der Baubranche tun können, besteht laut Beyer darin, für ständigen Austausch zu sorgen.

„Überlegen Sie, wie Sie sinnvolle Kontakte unter Kollegen fördern können“, empfiehlt Beyer. „Gehen Sie auf diejenigen zu, die isoliert zu sein scheinen. Suchen Sie das Gespräch und fragen Sie von Zeit zu Zeit, wie es Ihren Mitarbeitern geht. Ermutigen Sie die Mitarbeiter, sich umeinander zu kümmern. Konzentrieren Sie sich vorrangig auf Ihre Mitarbeiter und dann auf den Papierkram und machen Sie deutlich, dass Sie für Ihre Mitarbeiter da sind und ihnen zuhören.“

Projektmanagerin Samantha Gilbert betont, wie wichtig diese Art der fokussierten, organisatorischen Umsetzung ist. „Wenn es keine Schulungen gibt, in denen erfahrene Führungskräfte lernen können, wie sie erkennen, dass es einem Mitarbeiter schlecht geht, dann ist es unwahrscheinlich, dass Betroffene zu ihren Vorgesetzten gehen und um Hilfe bitten“, erklärt Gilbert.

Beyer schlägt Arbeitgebern in der Baubranche vor, ein besonderes Augenmerk auf die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu legen, indem sie ihre Teams dazu ermutigen, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen, von denen einige Arbeitnehmer möglicherweise noch nie etwas gehört haben. Bei einem solchen Hilfsangebot handelt es sich um eine Beratung, die Mitarbeiter in Anspruch nehmen können, wenn sie persönliche oder arbeitsbezogene Probleme haben, die sich negativ auf ihre Arbeitsleistung oder ihre physische oder psychische Gesundheit auswirken.

„Manchmal stehen Hilfen und Angebote zur Verfügung, von denen die Mitarbeiter gar nichts wissen“, so Beyer. „Erklären Sie in einer Mitarbeiterbesprechung, was Ihr Hilfsangebot für Mitarbeiter beinhaltet und wie es in Anspruch genommen werden kann. Halten Sie Mitarbeiterbesprechungen über Themen wie psychische Gesundheit, Wohlbefinden und Selbstfürsorgetechniken ab. Sprechen Sie offen darüber, wie wichtig psychische Gesundheit ist.“

Digitale Zusammenarbeit führt zu diesen vier Veränderungen auf der Baustelle.