Innovationen, die über Hightech hinausgehen

Diese vierteilige Reihe untersucht, was hinter den Innovationen der Baubranche steckt und warum es manchmal anders kommt als erwartet
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Illustration von Kim Salt

An was denken Sie bei dem Wort Innovationen?

In der sich ständig weiterentwickelnden Welt von heute dreht sich alles um Spitzentechnologien wie künstliche Intelligenz, selbstfahrende Fahrzeuge, Drohnen, prädiktive Analytik und maschinelles Lernen. Der Begriff Innovation wird dabei meistens nur im Zusammenhang mit Produkten gebraucht, die unsere Welt angeblich grundlegend verändern werden.

Auf den Titelseiten von Wirtschaftsmagazinen springen uns nur die größten Hightech-Innovationen entgegen. Während berühmte Unternehmer nicht nur behaupten, dass ihr Service oder Produkt das nächste große Ding sei, sondern auch dass ihr persönliches Lebensmotto, dem sie bei der Verwirklichung ihrer Idee gefolgt sind, der Schlüssel zum Erfolg und zur Erfüllung sei.

Das ist die Welt, die den Begriff Innovation für sich erobert und beansprucht hat. Doch diese Welt ist bei Weitem nicht alles. Sie repräsentiert nicht die gesamte Bandbreite wirklich innovativer Lösungen, die in allen Branche vorkommen – insbesondere in der Baubranche, die einen viel stärkeren Innovationstrend verzeichnen kann, bei dem die neuesten Hightech-Produkte meist gar keine Rolle spielen.

In der Baubranche können Innovationen die unterschiedlichsten Formen annehmen.

Natürlich wird die Branche von einer Welle an Hightech-Innovationen überschwemmt – von Drohnen über Laserscanner bis hin zur 3D-Modellierung. Baustellen waren dank intelligenter Technologien und den dazugehörigen Softwareplattformen noch nie so vernetzt wie heute. Diese Technologien werden die Branche in ein Zeitalter führen, in der Technologie für ganz neue Erkenntnisse und Effizienzstandards sorgt.

Und dennoch fallen einige der besten innovativen Lösungen der Baubranche zunächst unter den Begriff Lowtech. Diese einfachen Prozesse oder Arbeitsabläufe haben jedoch mindestens genauso viel – wenn nicht sogar noch mehr – Einfluss als die Hightech-Innovationen, die eher für Schlagzeilen und Aufmerksamkeit sorgen.

Zu dieser Art disruptiver Innovationen in der Baubranche gehören verbesserte Tools oder Sicherheitsstandards sowie einfache Änderungen des Managementstils oder der Aufgabenverteilung auf der Baustelle. Sie alle steigern die Produktivität, verbessern die Sicherheit oder optimieren das Risikomanagement.

Innovationen in der Baubranche passieren häufig unten in der Baugrube, also tief im Dreck. Sie sind nicht immer makellos und glänzend. Sie basieren auf manueller Arbeit, sind prozessorientiert und werden durch intensive Zusammenarbeit und Planung zwischen Menschen gefördert, deren Branchenerfahrung viele Generationen zurückreicht.

In der Baubranche werden Innovationen nicht immer mit neuen Technologien gleichgesetzt. Vielmehr handelt es sich um eine Einstellung.

In den kommenden Wochen wird der Bluebeam Blog eine Reihe von Beiträgen präsentieren, die darauf abzielen, das Konzept von Innovationen in seiner Gesamtheit zu verstehen.

In diesem ersten Beitrag berichten Menschen aus der Baubranche, was der Begriff Innovation für sie bedeutet und wie sie diese weiter vorantreiben wollen.

Innovationen auf den Grund gehen

Für Enrico Bertucci, Director of Operations bei McCarthy Building, war der Fokus auf Innovationen schon immer ein wichtiger Teil seiner Berufsphilosophie.

„Häufig ist Technologie gleichbedeutend mit Innovation – und dafür gibt es auch einen Grund: Technologie ist ungeheuer nützlich“, sagt Bertucci. „Aber letzten Endes handelt es sich nur um ein Werkzeug. Innovation bedeutet, dieses Werkzeug bestmöglich einzusetzen und von ihm zu profitieren. Bei wirklichen Innovationen geht es nicht darum, einem angesagten Gerät oder dem neuesten Gadget hinterherzujagen. Es geht darum, wie man mit einem begrenzten Maß an Aufwand ein wirkungsvolles Ergebnis erzielen kann.“

Für andere bestehen Innovationen in der Bautechnologie darin, herauszufinden, wie neue Tools in bestehende Arbeitsabläufe integriert werden können. Dabei ist es wichtig, die grundlegenden Prinzipien zu stärken und sich nicht von ihnen abzuwenden.

Karla Funderburk, eine Möbeldesignerin und Auftragnehmerin, die seit 1985 im Renovierungsbereich tätig ist, sagt, dass sie überrascht gewesen sei, welchen Einfluss Social Media auf ihre Berufspraxis genommen hat. „In den vielen Jahren meiner Berufstätigkeit kamen immer wieder neue Tools und Technologien auf“, so Funderburk. „Aber dank Social Media konnte mein Unternehmen die überzeugendsten Ergebnisse erzielen und das größte Wachstum verzeichnen.“

Funderburk, die Eigentümerin der Matter Studio Gallery, einer Kombination aus Galerie und Werkstatt, in der sie maßgefertigte Möbel herstellt und ihre Aufträge abwickelt, erzählt, dass ihr ein bewusster Umgang mit Social Media zu einer größeren Kundschaft verholfen hat – und das während einer Zeit, als die Nachfrage nach Maßanfertigungen eher rückläufig war.

„Sogar in Zeiten, die durch Abstandhalten geprägt sind, habe ich immer wieder neue Wege gefunden, mit meinen Kunden zu interagieren“, erzählt Funderburk.

Innovation als Einstellung

Wenn die Technologie also ein nützliches Werkzeug und nicht die Quelle der Innovation darstellt – wo können wir die Quelle dann finden?

Für den Akustikdesigner Richard Silva stammt die anhaltende Innovationskraft in seiner Arbeitspraxis aus der Hingabe, seine Umgebung kontinuierlich zu beobachten und von ihr zu lernen.

„Meine Arbeit als Akustikdesigner beeinflusst alles, was ich tue“, bekennt Silva. „In jedem Raum, den ich betrete, achte ich genau auf die Akustik – ist sie einwandfrei und eine Inspiration für meine Arbeit oder verfügt sie über problematische Aspekte, die eher vermieden werden sollten?“

Für Silva bedeutet innovationsorientiertes Denken, in seinem Alltag aufmerksam nach neuen Wachstumschancen Ausschau zu halten und neue Wege zu entdecken, Technologie sinnvoll einzusetzen. „Der Einsatz von Technologie fließt in meine ganz persönliche Forschung“, sagt Silva. Durch das ständige Lernen von seiner akustischen Umgebung war Silva in der Lage, Innovation als zentralen Aspekt in seine Berufspraxis zu integrieren.

Für den Architekt Winston Alford-Hamburg entstehen Innovationen durch das Aufgeben von Kontrolle und das Eingehen auf die speziellen Anforderungen eines Projekts – nicht jedoch dadurch, beruflichen Herausforderungen mit einem einheitlichen präskriptiven Ansatz zu begegnen.

„Ich fange klein an – das ist einer der Aspekte, die meine Arbeit so besonders macht“, sagt Alford-Hamburg. „Ich lasse mir Zeit, um herauszufinden, wie alles zusammenpasst. Mein Verständnis von Innovation basiert weniger auf Formen oder der Art und Weise, wie Dinge funktionieren, sondern vielmehr auf kleinen Innovationen bei der Raumnutzung.“

Anstatt neue Technologien oder Objekte zu finden, die er bei seiner Arbeit einsetzen kann, findet Alford-Hamburg innovative Lösungen, indem er zum Wesentlichen zurückkehrt und den Anforderungen seiner Kunden mit einem flexibleren Ansatz begegnet.

„Die Kontrolle freiwillig abzugeben, fällt vielen Architekten schwer“, sagt Alford-Hamburg. Nur die Offenheit für neue Ideen, welche oft das Abgeben der absoluten Kontrolle erfordert, ebnet den Weg für wirklich sinnvolle Innovationen, so Alford-Hamburg.

Raum für Veränderungen schaffen

Für Bertucci ist die ständige Offenheit für neue Ideen der Schlüssel zu beruflicher Weiterentwicklung. Tatsächlich hat das Unternehmen McCarthy dieses Innovationskonzept als Schlüssel zum Erfolg definiert und zwar als Teil seiner unternehmensweiten Strategie für die nächsten fünf Jahre.

„Bei McCarthy ist das nichts Neues“, sagt Bertucci. „Wir pflegen eine Kultur, in der alles, was wir tun, kontinuierlich verbessert wird. Und diese Kultur herrscht bei uns schon seit geraumer Zeit. Wir streben ständig danach, offen für neue Ideen und Arbeitsweisen zu sein und auf diese Weise bessere Ergebnisse zu erzielen. Wir versuchen, diese Kultur im ganzen Unternehmen zu etablieren.

So hat das Unternehmen beispielsweise die Plattform Brightsides eingerichtet, um mehr Raum für neue Ideen zu schaffen. Auf dieser Plattform hat jeder Mitarbeiter die Möglichkeit, seine Ideen zu den im Unternehmen auftretenden Problemen einzureichen.

„Auf diese Weise konnten wir im ganzen Unternehmen Diskussionen zu einer Vielzahl von Themen anregen“, sagt Bertucci. „Ob es um neue Technologien geht, die wir testen wollen, oder um den Erfolg oder die Hürden, die wir bei solchen Tests erleben – es gibt einen zentralen Ort, auf den jeder Mitarbeiter Zugriff hat.“

Jeder im Unternehmen hat die Chance, zu wichtigen Entscheidungen Stellung zu nehmen – das regt den Innovationsgeist an und belohnt Kreativität.

„Für mich sind Innovation und Unternehmertum eng miteinander verknüpft“, so Bertucci. Jedem Individuum Raum für Innovationen zu bieten – darin liegt der Schlüssel zum Erfolg und zwar sowohl für den Einzelnen als auch für das Unternehmen als Ganzes.