Wofür steht ESG im Baugewerbe?

Environmental, Social and Governance (kurz: ESG, auf Deutsch: „Umwelt, Soziales und Unternehmensführung“) hat sich in den letzten Jahren zu dem Schlagwort schlechthin im Baugewerbe entwickelt– und das aus gutem Grund. Hier erfahren Sie, wie Unternehmen mithilfe eines ESG-Frameworks Risiken reduzieren, bessere Ergebnisse erzielen und ihren Ruf verbessern können.
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Überall auf der Welt stehen Menschen wie Unternehmen vor der schweren Aufgabe, die Auswirkungen des Klimawandels, soziale und wirtschaftliche Ungleichheit sowie die Nachwirkungen von der Coronapandemie zu bewältigen. Immer mehr Unternehmen setzen daher auf die Entwicklung und den Einsatz von Praktiken, die gezielt darauf ausgelegt sind, um diese Herausforderungen zu meistern.

Von entscheidender Bedeutung bei den Bemühungen des Baugewerbes, diese und andere Herausforderungen anzugehen, ist die Anerkennung und Einhaltung der Prinzipien von ESG-Richtlinien.

Viele Unternehmen sind seit Jahren bestrebt, ihre Geschäftsabläufe auf ethischen Werten aufzubauen. Das sogenannte ethische Investment erlangte insbesondere in den 1960er Jahren große Bedeutung, als viele Unternehmen sich von Regimen distanzierten, in denen Menschenrechte nicht geschützt wurden, wie z.B. dem Apartheidsystem in Südafrika.

ESG als Konzept wurde in den frühen 2000er Jahren zum ersten Mal genauer beschrieben, insbesondere in einem Global Compact Bericht der Vereinten Nationen von 2004 mit dem Titel „Who Cares Wins: Connecting Financial Markets to a Changing World“ sowie ein Jahr später im Freshfields Report der Finanzinitiative des UN-Umweltprogramms.

Definition von ESG

Die British Business Bank beschreibt ESG als Sammelbegriff dafür, welchen Einfluss ein Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft nimmt und „wie stabil und transparent die Unternehmensführung in Bezug auf Führungsstil, Vergütung der Geschäftsführung, Prüfungen, interne Kontrollen und Gesellschafterrechte ist.“

Die Confederation of British Industry (CBI) argumentiert, dass Investoren von heute ihr Geld vor allem in nachhaltige Unternehmen mit soliden Investmentmodellen anlegen möchten. Die „Integration von ESG-Faktoren bringt ein Unternehmen auf den Weg, für den Investoren Nachweise sehen werden wollen.“

Die Grundlagen von ESG sind nach Überzeugung der CBI recht einfach. „Betrachten Sie es als eine Reise, auf der jeder Abschnitt klare Vorteile mit sich bringt. Wenn Sie anfangen, Ihre Umweltdaten zu messen, können Sie darüber nachdenken, wie sich der Verbrauch von Energie und Wasser sowie die Produktion von Abfall verringern lässt. Ihre Aufgabe ist es also, Kosten einzusparen.“ In der Zwischenzeit wird eine attraktive Unternehmenskultur– ein wichtiger Teil des „S“ in ESG– dazu beitragen, die Mitarbeiterfluktuation gering zu halten, so die CBI, und dafür sorgen, dass Anreize für neue Fachkräfte geschaffen werden, um das Wachstum auch in Zukunft zu gewährleisten.

Der Fokus auf die Unternehmensführung– und nicht zuletzt auf das Risikomanagement– wird nicht nur Investoren ansprechen, sondern auch Kundschaft und Lieferkette zugute kommen. „Gute Risikomanagementpraktiken bringen weitere Einsparungen beim Versicherungsschutz und der Preisgestaltung im Premiumsegment mit sich“, fügt die CBI an.

Das Beratungsunternehmen Marsh McLennan hingegen fordert eine Erweiterung des Anwendungsbereichs von ESG im Baugewerbe, der nicht nur die bloße Reduzierung von CO2-Emissionen in den Blick nehmen soll.

Ebenso wichtig sind die Herkunft und Gewinnung von Baumaterialien, die Verringerung der Abfallproduktion, das Lieferkettenmanagement sowie die Erhaltung der Gesundheit, der Sicherheit und des Wohlbefindens der Beschäftigten und der Communities.

Eine weitere Überlegung ist die Einstellung der Geschäftsleitung zur Berichterstattung über „die ökologischen und sozialen Auswirkungen des Unternehmens sowie die Systeme und Mechanismen, die zur Leitung und Verwaltung des Unternehmens zum Einsatz kommen.“

Gib mir ein E, gib mir ein S, gib mir ein G

Das E für „Environmental“ in ESG kann im Baugewerbe eine Reihe von Faktoren abdecken, so Allianz Global Corporate & Specialty. Dazu zählen beispielsweise die Art der Materialien, die für ein Bauprojekt verwendet werden, die Versorgungseinrichtungen, die während des Baus zur Verfügung stehen, die Baumethoden, die zum Einsatz kommen (von „traditionell“ bis modular oder volumetrisch), die Strategien der Abfallwirtschaft und ein zukunftssicheres Design.

Die Vorteile solider ökologischer Grundsätze im Baugewerbe können nicht genug betont werden. Von der Gestaltung bis hin zur Auslieferung sind die Verwendung von nachhaltig gewonnenen Materialien, ein angemessenes Programm für die Abfallwirtschaft sowie die Sicherstellung, dass die Bereitstellung und der alltägliche Betrieb eines fertigen Bauprojekts keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt haben, drei der wichtigsten Faktoren, auf die Investoren und andere Beteiligte ein Auge haben. Außerdem führen sie zu besseren Ergebnissen für die Endbenutzer:innen.

Hinter dem S für „Social“, dem sozialen Element von ESG, steckt der British Business Bank zufolge das Investment in faire und gleiche Chancen und Bedingungen für Angestellte. Weitere wichtige Faktoren sind die Sicherstellung, dass die Produkte, die zum Einsatz kommen, sicher und die Kundendaten geschützt sind, das Angebot von Schulungen und Weiterbildungen, das Investment in lokale Gemeinschaftsprojekte, die Gewährleistung von Sicherheit sowie die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz.

Besonders der Aufbau und die Pflege guter Beziehungen zu der jeweiligen Gemeinschaft, in der ein Bauprojekt umgesetzt wird, ist von entscheidender Bedeutung. Laut Marsh McLennon ist es „wichtig, die sozialen Folgen der Aktivitäten [einer Gemeinschaft] durch die ESG-Brille zu betrachten, um kontinuierlich positive Ergebnisse zu gewährleisten und die Bedeutung des Baugewerbes im Alltag der Menschen einschätzen zu können.“

Gleichzeitig ist auch der Ansatz zu einer guten Unternehmensführung– das G für „Governance“ in ESG– entscheidend. Gut geführte Unternehmen, an deren Spitze talentierte und fleißige Führungskräfte stehen, werden im Großen und Ganzen die Entscheidungen treffen, die die Beteiligten für gut und richtig halten. Diese führen wiederum zu besseren Ergebnissen sowohl für das Unternehmen selbst als auch für die Communities in dessen Umfeld.

Nichts ist selbstverständlich

Für Selbstgefälligkeit ist dabei kein Platz. Wie S&P Global feststellt, kam es in den letzten Jahren zu einer Reihe von prominenten Fällen schlechter Unternehmensführung, darunter der Skandal um die gefälschten Emissionswerte bei Volkswagen und der Missbrauch von Daten bei Facebook.

Wie bereits erwähnt, ist die Rolle von institutionellen Anlegern entscheidend, um eine bessere Führungsqualität, eine höhere Repräsentation von Frauen in Vorständen und Führungspositionen sowie gleiche Vergütung und Möglichkeiten für Frauen und People of Color voranzutreiben.

Speziell im Baugewerbe bezieht sich Governance der Anwaltskanzlei Dentons zufolge „auf Themen rund um das Verhalten und die Einstellungen der Unternehmensführung. Dazu gehören ethische Werte, Korruption, Transparenz, Reaktionen auf Sanktionen, politische Beiträge, wettbewerbswidrige Praktiken, Menschenrechtsverletzungen und die Nachhaltigkeit einen Unternehmens.“

Wie ein Unternehmen in Bezug auf ESG abschneidet, wird immer wichtiger. „Unterschätzen Sie nicht die emotionale Wirkung von ESG und– wenn es nicht konsequent umgesetzt wird– dessen Potenzial, dem Ruf und den Gewinnmargen eines Unternehmens erheblichen Schaden zuzufügen“, fügt Dentons hinzu und ergänzt, dass die Entdeckung moderner Arbeitssklaverei in der Lieferkette eines Unternehmens oder die illegale Abfallentsorgung im Rahmen eines seiner Projekte „mit ziemlicher Sicherheit unerwünschte Aufmerksamkeit erregen wird.“

Bewertung von ESG

In der Vergangenheit tappte man bei der Überprüfung der Einhaltung von ESG-Aspekte zu einem gewissen Teil immer im Dunkeln. Das Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC) weist jedoch darauf hin, dass die Leistung in Bezug auf ESG nachverfolgt und gemessen werden kann. Für die Erfassung dieser Daten stehen Unternehmen eine Reihe verschiedener Kennzahlen zur Verfügung.

Bewertungssysteme wie WELL, BREEAM und LEED können bei der Bewertung der Umweltverträglichkeit eines Projekts ebenfalls eine Rolle spielen.

In dem Maße, wie Unternehmen Ressourcen investieren, um einzelne Angestellte auf die Rolle als digitale Champions vorzubereiten, müssen sie sich auch um die Einhaltung von ESG-Protokollen kümmern. Dazu haben viele Unternehmen ESG-Gremien eingerichtet, die im Rahmen ihrer Geschäftstätigkeit regelmäßig ESG-Berichte und Updates veröffentlichen, in denen die Fortschritte an allen Fronten detailliert beschrieben werden.

PwC weist jedoch auch darauf hin, dass die Bewertung der ESG-Leistung aufgrund der uneinheitlichen Qualität der ESG-Berichte trotzdem „herausfordernd“ sein kann. Als Reaktion darauf verkündete die International Financial Reporting Standards Foundation im vergangenen Jahr die Einrichtung eines neuen International Sustainability Standards Board, „um im öffentlichen Interesse eine umfassende globale Grundlage für Qualitätsstandards in Sachen Nachhaltigkeit zu entwickeln und damit der Nachfrage der Anleger an Informationen gerecht zu werden.“

Im Endeffekt ist es sinnvoll, ESG-Strategien mithilfe eines strukturierten Frameworks zu verfolgen.

Die British Business Bank ist der Überzeugung, dass die Einführung von ESG durch eine bessere Unternehmensführung Risiken verringert, durch eine verbesserte Beschaffung und Abfallwirtschaft die Kosten senkt und durch die Schaffung von Anreizen für Angestellte, Kundschaft und Anleger den Ruf des Unternehmens stärkt.

Wenn diese Faktoren dazu führen, dass Unternehmen besser geführt werden, rentabler sind und für ihre Angestellten und Kundschaft sorgen sowie Projekte nach den höchstmöglichen Standards umgesetzt werden, dann wird sich der Einsatz für die Einhaltung von ESG-Richtlinien immer lohnen.

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