Ist ein Plan für nachhaltige urbane Mobilität die Lösung für marode Städte?

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten und diese werden nicht aufhören zu wachsen. Da dadurch der Druck auf die Infrastruktur zunimmt, denken Planungsteams über ein nachhaltigeres Verkehrsmodell nach.

Nach Angaben der Weltbank lebt mehr als die Hälfte (56%) der Weltbevölkerung in Städten. Einige gehen sogar davon aus, dass bis 2050 weltweit etwa 7 von 10Menschen in dicht besiedelten städtischen Umgebungen leben werden.

Der Druck, den eine große Bevölkerung auf die Infrastruktur einer Stadt ausübt (besonders auf das Transportwesen), und die Verschmutzung, die von dem beträchtlichen Verkehrsaufkommen durch private, öffentliche und kommerzielle Transportmittel ausgeht, haben dazu geführt, dass Behörden, regionale Planungsteams und Umweltschützer:innen nun Lösungen für Jahrzehnte erarbeiten.

Wenig überraschend dabei ist, dass häufig versucht wird, neu zu evaluieren, wie sich Menschen und Güter in großen städtischen Gebieten bewegen bzw. wie diese transportiert werden können. Wie kann Mobilität angesichts zunehmender Bedrohungen für das Wohlergehen der Menschen und des Planeten durch Verschmutzungen der Umwelt nachhaltiger gestaltet werden?

Was ist urbane Mobilität?

Es gibt mehrere Definitionen für urbane Mobilität. Zusammengefasst kann der Begriff aber definiert werden als der gesamte Personen- und Warenverkehr, der in einer Stadt über öffentliche und private Verkehrsmittel stattfindet.

Die Weltbank argumentiert, dass sich das Thema urbane Mobilität nicht mehr nur auf die Beförderung von Menschen mithilfe von Transportmitteln beziehe. „Was die Menschen wirklich brauchen“, so die Bank, „ist der Zugang zu verschiedenen städtischen Dienstleistungen. Zahlreiche Beispiele aus verschiedenen Städten haben gezeigt, dass eine bessere Erreichbarkeit nicht zwangsläufig durch die Nutzung von motorisierten Verkehrsmitteln, insbesondere von privaten Fahrzeugen, erreicht werden muss.“

Die Art und Weise, wie sich Menschen in einer Stadt bewegen können, wird zu einem dringenden Problem für Planungsteams, die mit begrenztem Platz und einer wachsenden Bevölkerung arbeiten.

Die Entwicklung von Programmen, die der Navigation von Menschen, Dienstleistungen und kommerziellen Interessen in Städten dienen, wird für unter Druck stehende Behörden und Unternehmen gleichermaßen zur Priorität.

Was kann ein Plan für nachhaltige urbane Mobilität aussehen?

Modelle für nachhaltige urbane Mobilität– im Englischen auch „SUMPs“ (Sustainable Urban Mobility Plans) genannt– werden von Interreg, einer von der EU unterstützten Initiative, als „wesentliche Planungsinstrumente für städtische Gebiete, die auf nachhaltigere und bürgerfreundlichere Mobilitätssysteme hinarbeiten wollen“ beschrieben.

Das Konzept, das die Europäische Kommission nach eigenen Angaben erstmals in einer Studie von 2013 näher ausgeführt hat, „fördert die Entwicklung einer langfristigen Vision, die das Stadtgebiet und die Umgebung miteinbezieht.“

Zugang für alle

Eine andere von der EU unterstützte Einrichtung namens Simpla beschreibt das zentrale Ziel eines SUMP als die „Verbesserung der Erreichbarkeit von städtischen Gebieten sowie die Bereitstellung hochwertiger und nachhaltiger Mobilitäts- und Transportoptionen hin zum, durch das und direkt im städtischen Gebiet“.

Laut Simpla diene ein Stadtmobilitätsplan dazu, die Zugänglichkeit für alle Verkehrsteilnehmer:innen zu gewährleisten, wobei der Fokus auf den sogenannten „gefährdeten Verkehrsteilnehmer:innen“ liege, also unter anderem Fußgänger:innen, Radfahrer:innen, Kinder und Menschen mit Behinderungen.

Ein SUMP „fördert eine ausgewogene Entwicklung aller Transportmittel und konzentriert sich dabei auf den öffentlichen und privaten, den motorisierten und nicht motorisierten Verkehr, die Intermodalität, die städtische Logistik, das Mobilitätsmanagement sowie intelligente Verkehrssysteme.“

Zudem sollen Luftverschmutzung und Lärmbelastung verringert, die Verkehrssicherheit verbessert und die Nutzung städtischer Gebiete optimiert werden, um zu mehr Sauberkeit und folglich zu attraktiveren Städten und einer besseren Lebensqualität für alle Bürger:innen beizutragen.

Das Aufkommen technologiegestützter Verkehrsnetze wie alternative Busanbieter und Bike-Sharing-Systeme in Großstädten trägt sicherlich dazu bei, das Verkehrsaufkommen auf den Straßen zu reduzieren. Zudem liefert die Entscheidung für ein geringeres Verkehrsaufkommen in städtischen Gebieten Planungsteams und Behörden Daten darüber, was in Bezug auf nachhaltigen Verkehr und nachhaltige Mobilität erreicht werden kann.

Vorteile eines nachhaltigen urbanen Mobilitätsplans

Forschungsarbeiten sind aktuell im Gange und dienen dazu, die Vorteile zu untersuchen, die sich aus der Umsetzung von SUMPs ergeben können.

Wie in einer Studie formuliert, sollte die Gestaltung von Stadtverkehr und Mobilität „einen wichtigen Teil der Stadtplanung darstellen und auf das Wohl der Allgemeinheit ausgerichtet sein“.

In einer weiteren Studie wird jedoch darauf hingewiesen, dass im Zusammenhang mit einem allgemeinen Ansatz für eine solche Planung Probleme auftreten können. Laut dieser Studie „existiert zurzeit kein allgemein anerkannter Kriterienkatalog für die Nachverfolgung des Fortschritts von Projekten für nachhaltigen Transport in Städten, da es u.a. kein standardisiertes Vokabular für die Messung der Nachhaltigkeit gibt.“

Darüber hinaus könnte ein Paket aus 16Investitionen in emissionsarme Technologien sowie Maßnahmen in Städten in den Bereichen Verkehr, Gebäude, Materialien und Abfall die globalen städtischen Emissionen bis 2050 um 90% senken, so eine Analyse von Vivid Economics und dem Stockholm Environment Institute für die Coalition for Urban Transitions aus dem kürzlich veröffentlichten Bericht „Climate Emergency, Urban Opportunity“, so die Weltbank.

„Besonders Investitionen und Maßnahmen im Bereich des emissionsarmen Personenverkehrs hatten Ergebnisse zur Folge, die jenen in anderen Sektoren meilenweit voraus waren, darunter Gebäude, Materialeffizienz und Abfall. Drei Maßnahmen hatten besonders große Auswirkungen: die Bereitstellung effizienterer elektrischer Fahrzeuge, der Übergang zu öffentlichen Verkehrsmitteln und die Reduzierung der Nachfrage nach motorisierten Fahrzeugen“, so die Bank weiter.

Herausforderungen

Bei der Erstellung von Stadtmobilitätsplänen gibt es zwangsläufig Herausforderungen– nicht zuletzt wegen des Umfangs der damit verbundenen Investitionen.

Laut Weltbank wäre für den Umstieg auf effizientere elektrische Fahrzeugflotten in Städten auf der ganzen Welt zusätzliche Investitionen von 8,6Billionen $ (7,9 Billionen €) nötig. Obgleich es sich hier um eine gewaltige Summe handelt, argumentiert die Bank, dass sich diese in acht Jahren amortisiert haben wird, wobei die Jahresrenditen bis 2030 einen Wert von 320Milliarden $ (250 Milliarden €) erreichen und bis 2050 sogar 1Billion $ (922Milliarden €) übersteigen würden.

„Diese Renditen entstehen weitgehend durch direkte Einsparungen in Folge eines geringeren Kraftstoffverbrauchs und der Vermeidung von Kraftstoffkosten, wobei die wirtschaftlichen Vorteile von geringeren Emissionen und sauberer Luft hierbei noch gar nicht in berücksichtigt werden– diese würden zu noch höheren wirtschaftlichen Renditen führen. Diese Investitionen könnten bis 2030 auch 3,6Millionen Arbeitsplätze fördern“, so die Bank.

In anderen Beiträgen zum Thema wird die Notwendigkeit der Beteiligung von Interessensgruppen und Bürger:innen, der institutionellen Zusammenarbeit zwischen Sektoren und Disziplinen, der Ermittlung und Durchführung der wirksamsten politischen Maßnahmen sowie der Überwachung und Bewertung des Fortschritts eines SUMPs betont.

Der Übergang zu nachhaltigen urbanen Mobilitätssystemen wird kostspielig. Politiker:innen, Unternehmen und die breitere Gesellschaft müssen entscheiden, ob sie es sich leisten können, nicht in solche Pläne zu investieren.

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