Im Trend: Wirtschaftliche Nachhaltigkeit in der Baubranche

Im Kampf gegen den Klimawandel muss sich der Bausektor mit der Frage der Nachhaltigkeit befassen und dabei auf ökologische, soziale und wirtschaftliche Faktoren eingehen. Nach der kürzlich stattgefundenen UN-Klimakonferenz 2020, COP26, in Glasgow wird sich die Suche nach umweltfreundlicheren, zukunftsfähigen Lösungen in der Baubranche noch stärker auf die Notwendigkeit konzentrieren, jetzt mit Blick auf zukünftige Generationen zu bauen.
Share on facebook
Share on linkedin
Share on twitter
Share on email

Wirtschaftliche Nachhaltigkeit in der Presse

Führungskräfte aus aller Welt kamen bei der COP26 in Glasgow ganz klar zu dem Schluss, dass solide und umsetzbare Strategien für den Kampf gegen den Klimawandel entwickelt werden müssen. Der Fokus sollte hier insbesondere auf der Reduzierung von Kohlestoffemissionen durch eine Reihe politischer Initiativen liegen.

Der Weltpresse und einer erwartungsvollen Öffentlichkeit wurden kühne Pläne vorgestellt. Jetzt müssen die Führungskräfte allerdings beweisen, dass diese Pläne nicht nur Floskeln bleiben. Trotz der Dringlichkeit ist aber noch immer nicht klar, welche Maßnahmen folgen werden.

Dennoch steigt der Druck auf Unternehmen und Branchen, zu handeln und nachhaltige wirtschaftliche Praktiken zu etablieren, von deren Auswirkungen zukünftige Generationen profitieren können. Diese Bewegung hat sich auf eine Reihe von Branchen ausgewirkt, insbesondere auf das Baugewerbe.

Die Beschaffung nachhaltiger Materialien, sicherzustellen, dass die Arbeiten vor Ort so zukunftsfähig wie möglich durchgeführt werden, und die Realisierung von Projekten mit längerer Lebensdauer gelten mittlerweile als Norm für den Weg in die Zukunft und sind nicht mehr nur eine grüne Ausnahmeerscheinung in der Bauindustrie.

Was bedeutet wirtschaftliche Nachhaltigkeit im Baugewerbe?

Was genau ist also wirtschaftliche Nachhaltigkeit? Und welche Auswirkungen hat sie auf die Baubranche?

Die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (auch Brundtland-Kommission) der Vereinten Nationen definierte Nachhaltigkeit 1987 als „die Anforderungen der Gegenwart erfüllend, ohne dabei zukünftige Generationen bei der Erfüllung ihrer eigenen Anforderungen zu beeinträchtigen.“

Für viele ist dies der Ausgangspunkt für Nachhaltigkeit. Die Umweltberatungsfirma Circular Ecology erläutert, dass diese Definition noch weiter gefasst werden könne, da es weithin anerkannt sei, dass „wir wirtschaftliche, ökologische und soziale Faktoren in gleichem Maße in Einklang bringen müssen“, um Nachhaltigkeit zu erzielen. Ein alleinstehender Aspekt reicht nicht aus: Alle Faktoren müssen zusammenkommen.

Diese Faktoren sind als die „drei Säulen“ der Nachhaltigkeit bekannt geworden und werden von zukunftsorientierten Architekt:innen, Designer:innen und Bauunternehmer:innen häufig verwendet.

Für Cathi Colla Architects (CCA) bezieht sich ökologische Nachhaltigkeit auf die Form, die Materialien und die Systeme, die mit einem geplanten Projekt und dem vorgesehen Bauort zusammenhängen.

Das Unternehmen definiert soziale Nachhaltigkeit, in Bezug auf das Thema Wohnen, als die Schaffung von inklusiven, sicheren und gesunden Nachbarschaften, die gut in größere Städtesysteme integriert sind.

„Der Bausektor kann zu einer Gesellschaft mit mehr Gleichberechtigung, Inklusion und Gemeinschaftsgefühl beitragen, wenn die Orte, an denen wir leben, die Einrichtungen, die wir nutzen, und unsere Nachbarschaften und Treffpunkte auf Barrierefreiheit und Inklusivität ausgelegt sind“, heißt es bei CCA.

Die wirtschaftliche Nachhaltigkeit hingegen wird als „das feine Gleichgewicht zwischen Kosten und Mehrwert“ bezeichnet. Dazu gehören eine Einschätzung der Baukosten, der Materialauswahl und der Betriebskosten.

„Ein Gebäude, das in nachhaltiger Bauweise geplant und gebaut wurde und zum Beispiel passive Designelemente sowie nachhaltige Materialien und Armaturen enthält, sollte aufgrund der geringeren Abhängigkeit von künstlichem Licht oder interner Klimatisierung niedrigere Wartungskosten haben“, so das Unternehmen.

Die Kosten und den Wert eines Projekts abgleichen

Manchmal hört man, dass Bauprojekte, die nachhaltige Aspekte, wie Technologien zur Sicherstellung geringerer Betriebskosten aufweisen, möglicherweise mehr kosten als herkömmliche Projekte.

Werden diese Ausgaben jedoch richtig eingesetzt, führen sie oft zu einem besseren Bau und zu zufriedeneren Bewohner:innen. Außerdem bringen die nachhaltigen Baupraktiken und Lieferkettenkonzepte Vorteile für die Umgebung und die Umwelt generell mit sich. Mit der Zeit wird sich die Investition auszahlen, und Bauunternehmer:innen und Geldgeber:innen werden dankbar sein, dass sie sich für den nachhaltigen Weg entschieden haben.

Natürlich gibt es bei jedem Gebäude Risikofaktoren, weshalb es unweigerlich schwierig ist, die wirtschaftliche Nachhaltigkeit eines Projekts im Voraus zu bestimmen. Laut Forscher:innen am Polytechnikum Turin spiele die Analyse der Lebenszykluskosten zwar eine wichtige Rolle bei der technologischen und wirtschaftlichen Durchführbarkeit eines Gebäudebaus, beim Projektbeginn gebe es jedoch keine absolute Sicherheit.

Laut Forscher:innen ist es „äußerst schwierig, die sozioökonomischen Umstände auf lange Sicht genau vorherzusagen und zu bestimmen, wo die Bauprojekte stattfinden und welche Auswirkungen sie auf das Projekt haben.“ Das hält die Menschen im Bauwesen jedoch nicht davon ab, mit der richtigen Einstellung die Grenzen der erreichbaren Ziele zu erweitern. Ihre Bemühungen können sich auf der ganzen Welt sehen lassen.

Gebäude können künftige Anforderungen heute schon erfüllen

Zu den Beispielen für wirtschaftlich nachhaltige Gebäude im Sinne der Definition der Brundtland-Kommission gehören Bauten des norwegischen Architekturbüros Link Arkitektur, etwa der Entwurf für das Zeb-Labor in Trondheim, ein „Null-Emissions-Gebäude, das während seines gesamten Lebenszyklus mehr erneuerbare Energie erzeugt, als es Kohlendioxid ausstößt.“

Der umweltfreundliche Aspekt ist zwar wichtig, jedoch geht die Philosophie des Unternehmens zum nachhaltigen Bau darüber hinaus. Marketingdirektor Rolf Maurseth sagt: „Bei nachhaltiger Architektur müssen wir mehr als nur die Umwelt berücksichtigen. Unser … Ziel ist es, die Bedürfnisse unserer Generation auf eine Weise zu erfüllen, die die Möglichkeiten der nächsten Generationen nicht einschränkt.“

Ein weiteres Beispiel für eine nachhaltige Bauweise ist Haycroft Gardens, ein Haus, das für drei Generationen derselben Familie in einer Baulücke im Norden Londons gebaut wurde. Sarah Wigglesworth beschreibt die Bauweise des Hauses als „langlebig, umweltfreundlich und energieeffizient.“

Außerdem gibt es in Manchester das Christie Proton Beam Therapy Centre von Arup für modernste Krebsbehandlung. In das Gebäude wurden so viele umwelt- und zukunftssichere Elemente wie möglich eingebaut.

Gebäude können so gebaut werden, dass sie eine lange Zeit erhalten bleiben. Die moderne Bauindustrie verfügt über die Expertise, die technologischen Möglichkeiten und den Weitblick, um Projekte zu verwirklichen, die nicht nur den heutigen, sondern auch künftigen Generationen dienen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis alle anderen Herangehensweisen undenkbar sind.

Sind Netto-Null-Gebäude möglich?