Junge Frau auf der Baustelle, Adobe Stock, Datei-Nr.: 313814024, goodluz

Frauen in der Baubranche: Gemischte Teams als Chance erleben

Viele Vorurteile, wenig Vorbilder – Status quo von Frauen in der Baubranche. Lesen Sie, wie der Frauenanteil steigt und alle davon profitieren.
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Was die Fakten zum Anteil der Frauen im Baugewerbe sagen 

Wussten Sie, dass es Frauen bis 1994 verboten war in den alten Bundesländern einer Beschäftigung im Bauhauptgewerbe nachzugehen? In der DDR hingegen war es kein Problem, wenn Frauen auf der Baustelle arbeiteten. Was sich seit der Wiedervereinigung getan hat und wie hoch der Frauenanteil heute ist, stellen wir in den nächsten Absätzen anhand einiger Statistiken dar. 

Niedriger Frauenanteil im Baugewerbe 

Vermutlich sind die folgenden Zahlen einer Studie der Bundesagentur für Arbeit keine Überraschung – oder wie viele Frauen in der Baubranche kennen Sie? Unter allen Wirtschaftszweigen ist das Baugewerbe mit einem Frauenanteil von 13 Prozent das absolute Schlusslicht. 

Das Baugewerbe befindet sich unter den Top 3 der Wirtschaftszweige mit dem geringsten Frauenanteil. Die Top 3 mit dem höchsten Frauenanteil wird vom Gesundheits- und Sozialwesen angeführt.  

Etwas anders sieht es unter den Architekt:innen und Stadtplaner:innen aus. In den letzten Jahren ist der Frauenanteil stetig größer geworden und lag 2021 bei 36,6 Prozent. Unterschiede lassen sich zwischen den verschiedenen Bereichen erkennen: Während im Hochbau 34,7 Prozent der Architekt:innen weiblich sind, sind es in der Innenarchitektur 63,5 Prozent (Quelle: BAK). 

Wenig weiblicher Nachwuchs 

Ob die neue Generation an Auszubildenen eine Trendwende einleitet? Vermutlich noch nicht im großen Stil und je nach Bereich unterschiedlich. Laut einer ZDH-Statistik sind unter 2.840 Auszubildenden im Straßenbau nur 17 Frauen. Bei den Tiefbaufacharbeiter:innen sind zwei von 1.165 Auszubildenden weiblich. 

In einem Ranking zu den 20 beliebtesten Studienfächern von weiblichen Studierenden im Wintersemester 2020/21 liegt Architektur auf Platz 15, das Bauingenieurswesen auf Platz 18. Im Vergleich dazu: Bei den männlichen Studierenden liegt das Bauingenieurswesen auf Platz 9. Architektur findet man in den Top 20 nicht, aber viele technische Studienfächer wie Maschinenbau oder Elektrotechnik (Quelle. Statistisches Bundesamt). 

Frauen in der Baubranche verdienen weniger als Männer 

Im Jahr 2020 kommen im Durchschnitt auf 22,78 Euro Bruttoverdienst pro Stunde von Männern nur 18,62 Euro Bruttoverdienst für Frauen. Also ein Unterschied von 4,16 Euro. Das heißt: Frauen verdienen 18 Prozent weniger als Männer. Der bereinigte Gender Pay Gap liegt bei sechs Prozent. Ursächlich hierfür sind gesellschaftliche Strukturen: Branchen, in denen vermehrt Frauen arbeiten, sind oftmals schlecht bezahlt (zum Beispiel das Gesundheits- und Sozialwesen oder im Bereich Erziehung und Unterricht), Frauen bleiben aufgrund der Familie öfter in Teilzeit (Stichwort: Gender Care Gap) und erreichen seltener Führungspositionen (Quelle: Statistisches Bundesamt). 

Für Frauen im Baugewerbe heißt das konkret: Sie verdienen im Durschnitt im Jahr 2020 2.881 Euro brutto weniger als ihre männlichen Kollegen (Quelle: Statistisches Bundesamt). 

Durchschnittlicher Bruttojahresverdienst im Baugewerbe im Jahr 2020: 42163 Euro für Frauen, 45044 Euro für Männer
2.881 Euro Unterschied – der Gender Pay Gap ist auch im Baugewerbe ein Thema. 

Wie Unternehmen von gemischten Teams profitieren 

Der Anteil von Frauen auf der Baustelle ist sehr gering, aber warum sollten Unternehmen in der Baubranche sich für die Geschlechtergerechtigkeit einsetzen? Für die Beschäftigung von mehr Frauen im Baugewerbe gibt es starke Argumente: 

  • Frauen sind kompetente Fachkräfte. 
  • Frauen sind wichtige Arbeitskräfte in Zeiten des Fachkräftemangels. 
  • Frauen sind Teil erfolgreicher (gemischter) Teams. 

Dass es einen Zusammenhang zwischen diversen Teams und dem Geschäftserfolg gibt, belegen verschiedene Studien wie „Delivering through Diversity“ von McKinsey. Dort wurden die Daten von 1007 Unternehmen – darunter 65 deutsche – analysiert. Das Ergebnis: Je diverser die Teams, desto erfolgreicher. Ein hoher Frauenanteil im Topmanagement macht einen überdurchschnittlichen Erfolg um 21 Prozent wahrscheinlicher. Ethnische Vielfalt erhöht die Wahrscheinlichkeit um 33 Prozent, überdurchschnittlich profitabel zu sein. 

Übrigens: Unternehmen mit einem hohen Frauenanteil auf Führungsebene haben auch einen Vorsprung in Sachen Digitalisierung (Quelle: global-digital-women.com). In unserem Artikel „Digitalisierung in der Baubranche“ können Sie nachlesen, wie es in dieser Hinsicht um den Fortschritt des Bauwesens steht. 

Wie Frauen ihre Position in der Baubranche bewerten 

Das Unternehmen ALLPLAN, das wie Bluebeam zur Nemetschek Group gehört, hat eine Kampagne gestartet, um Frauen aus der Baubranche eine Stimme zu geben. Die Reihe besteht aus mehreren Videos. Einen ersten Eindruck bekommen Sie im Video „Frauen in der Baubranche“.

Ein Muster, das sich durch alle Videos zieht: Die Frauen berichten davon, dass Frauen in der Baubranche unterrepräsentiert sind. Birga Ziegler, Geschäftsführerin bei ilp² Ingenieure, befürwortet daher die vermehrte Diskussion über Gleichberechtigung. Frauenstimmen in der Baubranche seien wichtig, da die Branche über Mobilität, Arbeiten, Wohnen und Co. bestimme. Dafür brauche es aber mehr Unterstützung durch die Unternehmen sowie Berufsverbände

Auch Nicole Bode-May, Projektleiterin bei PL Architekten, sieht die Vorteile diverser Teams. Je diverser die Teams seien, desto unterschiedlichere Mindsets kämen zusammen. Das ermögliche kreativen Input und die besten Lösungen. Sie sagt aber auch: 

„Vielfach herrscht in der Baubranche immer noch ein altes Frauenbild vor. Ich musste mich immer beweisen. Ich musste immer noch eine Extrameile gehen. Auch musste ich mich für meinen Karrierewunsch tatsächlich rechtfertigen.“ 

Kritik übt auch Susanne Raulf, Geschäftsführerin des Planungsbüros Raulf Architekten. Es werde ihr immer noch zu wenig über Architektinnen in der Baubranche gesprochen. Kaum jemand kenne fünf berühmte Architektinnen. Sie rät jungen Architektinnen, sich Vorbilder und Rolemodels zu suchen, über den Tellerrand zu schauen, mutig und selbstbewusst zu sein. Mit ihrem Netzwerk „Architektin @ Work“ bietet sie den jungen Kolleginnen direkt einen Ort zum Austausch. 

Sylvia Carola Schuster, Geschäftsführerin bei Projektitekt, findet es ebenso förderlich, eine Mentor:in zu haben. Außerdem wünsche sie sich mehr Wertschätzung für junge, weibliche Mitarbeiter:innen, damit diese es ein wenig leichter auf ihrem Lebensweg hätten und mehr an sich glauben würden. Sie sagt außerdem:  

„Jungen Frauen würde ich raten, vielleicht nicht darauf zu hören, was allgemeingültig als Karriere anerkannt ist, sondern für sich selbst herauszufinden: Was kannst du am besten? Wo liegen deine Stärken? Und setze dann genau das um.“ 

Wie mehr Frauen im Baugewerbe beginnen 

Neben Kampagnen wie der von ALLPLAN, bei denen Frauen aus dem Baugewerbe zu Wort kommen, oder dem Netzwerk „Architektin @ Work“ gibt es noch einige weitere Initiativen, die das Ziel haben, den Frauenanteil in der Baubranche zu erhöhen. Einige Ideen und Möglichkeiten möchten wir Ihnen hier vorstellen. 

1. Leitfaden mit Handlungsempfehlungen für Bauunternehmen 

Das RKW Kompetenzzentrum gibt Bauunternehmen einen 33-seitigen Leitfaden mit Handlungsempfehlungen zum Thema „Potentiale von Frauen für die Bauwirtschaft besser erschließen und nutzen“ an die Hand.  

Mit dem Leitfaden sollen Bauunternehmen vor allem dem Fachkräftemangel entgegenwirken können, indem sie Frauen auf die Baustellen locken. Durch Teilnahme am Girl’s Day, das Anbieten von Schnuppertagen und Co. sollen bereits junge Frauen für eine Ausbildung in der Baubranche begeistert werden. Gleichzeitig wird angesprochen, welche Unternehmenskultur geschaffen werden sollte, damit sich alle Mitarbeitenden wohl fühlen. So braucht es beispielsweise: 

  • weibliche Vorbilder in Führungspositionen, 
  • sowohl für Männer als auch Frauen die Möglichkeiten, in Elternzeit zu gehen beziehungsweise familienfreundliche Arbeitsmodelle zu wählen, 
  • Entgeltgleichheit oder 
  • Förderung und Weiterbildungsmöglichkeiten für alle. 

Übrigens: Auf unserem Blog finden Sie auch einen Ratgeber mit Tipps zu Programmen zur Wiedereingliederung, um als Bauunternehmen eine familienfreundliche Unternehmenskultur zu schaffen. 

2. Porträts von Frauen in der Baubranche 

Auch Bluebeam setzt sich für Fortschritt im Baugewerbe ein. Wir glauben, dass dieser Fortschritt zu einem großen Teil darauf beruht, dass Frauen einen wichtigen und stetig wachsenden Beitrag zum künftigen Erfolg der Bauindustrie leisten können. Deshalb stellen wir Ihnen immer wieder Geschichten von Frauen im Baugewerbe vor. Zu den Porträts gehören: 

  • Jennifer Younes, Bauingenieurin: „Ich liebe das Baugewerbe, aber die Technologie dahinter begeistert mich besonders.“ 
  • Jennifer Washington, Bauunternehmerin: „Frauen, die in dieser Branche arbeiten, ebnen wir den Weg, dem weitere Frauen ins Baugewerbe folgen können.“ 
  • Lashanna Lintamo, Schweißerin: „Die Vergütung, die ungleiche Bezahlung und auch die ungleiche Behandlung bis hin zu Sexismus, Belästigung, Rassismus – das nimmt einen ganz schön mit.“ 
  • Marta Baron, BIM-Managerin: „[Frauen] sollten Stärke und Entschlossenheit mitbringen. Dann werden wir es schaffen, die Einstellungen in der Branche zu ändern und uns unseren Platz in ihr zu sichern.“ 
  • Sophie Drury, Construction Managerin: „Ich repräsentiere die Zukunft, denn immer mehr Frauen werden in dieser Branche arbeiten.“ 

Übrigens: Der Internationale Tag der Frauen in Ingenieurberufen ist am 23. Juni. Welche weiblichen Talente es im Ingenieurswesen gibt, erfahren Sie in unserem Artikel „Berühmte Ingenieurinnen“. 

3. Women in Construction Week 

Im März werden anlässlich der „Women in Construction Week“ Frauen im Baugewerbe gefeiert. Die Tatsache, dass wir eine „Women in Construction Week“ brauchen, ist ein Ausdruck von Kritik an dem Ungleichgewicht. Aber gleichzeitig kann diese Initiative in einer Branche, die jahrzehntelang von Männern dominiert wurde, zu mehr Positivität in der Debatte beitragen, Talente in der Branche sichtbar machen und die Überwindung alter Einstellungen begünstigen. 

Frauen in der Baubranche – und bei Bluebeam Deutschland 

Umso schöner ist es, dass der Frauenanteil bei der Bluebeam GmbH mit Sitz in München vor allem in den Führungspositionen stark vertreten ist mit Ruth Schiffmann als Geschäftsführerin. Das deutsche Management-Team wird komplettiert von Petra Goebel, Vertriebsleitung sowie Sylvia Voß, Marketingleitung. 

Frauen am Bau: Weitere Fortschritte sind erforderlich 

Warum wir einen Artikel wie diesen zum Thema „Frauen in der Baubranche“ brauchen? Weil das Talent und die Ressourcen, die Frauen von den Baustellen bis in die Vorstandsetagen ins Baugewerbe einbringen, noch zu wenig berücksichtigt werden. Aufgrund historisch gewachsener kultureller und gesellschaftlicher Einstellungen wurden viele Frauen davon abgehalten, in der Branche in Erscheinung zu treten. 

Es gibt Anzeichen dafür, dass immer mehr Frauen eine Karriere im Baugewerbe in Betracht ziehen und dass sich die lange Zeit vorherrschende Meinung über Frauen in dieser Branche zum Besseren wandelt, wenn auch nur langsam. Es muss jedoch noch mehr passieren, damit diejenigen, die im Bausektor die Verantwortung tragen, die Gesellschaft, in deren Dienst der Sektor steht, besser widerspiegeln. 

Wollen Sie mehr zum Thema „Frauen in der Baubranche“ erfahren? Unter unserem Tag „Women in Construction“ finden Sie weitere spannende Artikel. Viel Spaß beim Lesen! 

Bildnachweis: Titelbild © goodluz, Bild 1 © Bluebeam, Bild 2 © Bluebeam. 

Frauen verändern die Bauindustrie