Wie kann eine kohlenstoffarme Baubranche den Kampf gegen den Klimawandel anführen?

Der Bausektor verursacht mehr als ein Drittel der Kohlenstoffemissionen im Vereinigten Königreich. Für die Branche hat die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle bei der Beschleunigung des Klimawandels oberste Priorität.
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Bei der Eindämmung und Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen auf die gesamte Weltbevölkerung nimmt die Baubranche zweifellos eine Schlüsselrolle ein.

Das Problem der Kohlenstoffemissionen und Treibhausgase, die aufgrund verschiedener Industrietätigkeiten in die Atmosphäre gelangen, steht seit Jahren im Mittelpunkt der Bemühungen von Wissenschaftler:innen und Umweltaktivist:innen. Mit zunehmender Dringlichkeit wird nun endlich auch der Rest der Welt darauf aufmerksam. Dies gilt ebenso für das Baugewerbe, wo Forderungen der Investor:innen und Bewohner:innen nach mehr Umweltfreundlichkeit bei Bereitstellung und Betrieb von Gebäuden laut werden.

In Großbritannien lassen sich, je nach Studie, zwischen 40 % und 45 % der Kohlenstoffemissionen des Landes auf den Bausektor zurückführen. Schätzungsweise die Hälfte dieser Emissionen stammt aus der in den Gebäuden verbrauchten Energie, der Rest entsteht bei ihrer Errichtung.

Wie groß ist der CO2-Fußabdruck eines Gebäudes?

Die Bestimmung der branchenspezifischen Kohlenstoffemissionen ist ein komplexer Vorgang. Man könnte dafür bei der Gewinnung der Rohstoffe, die für die Errichtung eines Gebäudes benötigt werden, ansetzen und außerdem den Energieverbrauch bei Verarbeitung und Transport dieser Materialien sowie anderer für das Bauvorhaben verwendeter Komponenten einbeziehen.

Auch die voraussichtlich entstehenden Emissionen, die auf der Baustelle selbst erzeugt werden, könnten berücksichtigt werden. Diese sind in der Regel auf Baumaschinen, häufig mit umweltschädlichem Dieselantrieb, zum Einbau der wesentlichen Bauteile zurückzuführen. Tatsächlich gibt es in der Baumaschinenindustrie sowohl in Großbritannien als auch anderswo Bestrebungen, dieses Problem anzugehen.

Während auf der einen Seite die Baubranche dazu angehalten wird, Baustoffe und ‑maßnahmen im Zusammenhang mit Bauvorhaben zu prüfen, spielen auf der anderen Seite auch die Haltung von Bauinvestor:innen sowie Entwurfs- und Beschaffungsprozesse eine entscheidende Rolle.

Im Juli dieses Jahres veröffentlichte der World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) einen Bericht mit mehr als 50 Strategien und bewährten Praktiken, durch die Investor:innen und Bauunternehmen die CO2-Bilanz ihrer Bauprojekte verbessern können.

„Projektinitiator:innen, Investor:innen und Bauunternehmen haben sowohl die Macht als auch die Verantwortung, die Ausrichtung eines Bauprojekts mit dem Übereinkommen von Paris abzustimmen“, heißt es im Vorwort des Berichts.

Moderne Bauverfahren, moderne Lösungen

Der WBCSD sieht verschiedene Grundanforderungen für eine Dekarbonisierung in der Baubranche vor: Festlegungen zur CO2-Bilanz für alle Projekte, die Entwicklung alternativer Entwürfe sowie Bewertungen der Kosten und Kohlenstoffemissionen, die Prüfung und Evaluierung von Alternativen zu den zehn emissionsstärksten Bauprodukten sowie die Einhaltung von vorab vereinbarten Kohlenstoffgrenzwerten für durch Bauunternehmen beschaffte und installierte Materialien.

Auch der zunehmende Einsatz moderner Baumethoden spielt eine entscheidende Rolle bei der angestrebten Trendwende im Hinblick sowohl auf den Klimawandel als auch auf das Verschulden der Baubranche.

Werkseitig hergestellte Platten, die auf der Baustelle zusammengesetzt werden, entstehen in präzisen und überwachten Fertigungsverfahren, die dank Qualitäts- und Umweltkontrollen zu weniger Abfällen und weniger Emissionen führen. Mit seiner Fähigkeit zur Kohlenstoffspeicherung eignet sich Holz, insbesondere Brettsperrholz, ebenfalls für die Errichtung emissionsarmer Gebäude und gewinnt als Baustoff immer mehr an Beliebtheit.

Netto-Null-Bauweise in Aktion

Der Finanzriese Legal & General, der inzwischen ins Baugewerbe vorgedrungen ist, hat den Weg moderner Baumethoden eingeschlagen; einerseits durch die Förderung von Plänen zur modularen Errichtung von Häusern und andererseits durch die Verpflichtung, die betrieblichen Netto-Kohlenstoffemissionen seines gesamten Gebäudebestandes bis 2030 auf Null zu reduzieren.

Diese Entwicklung hin zur Verringerung der betrieblichen oder auch täglichen Kohlenstoffemissionen eines Gebäudes steht im Zentrum der Emissionsdebatte. Gebäude müssen weniger Ressourcen und Energie zum Heizen, Beleuchten und Belüften ihrer Innenräume verbrauchen, und je umweltfreundlicher ein Gebäude, desto attraktiver ist es für potenzielle und umweltbewusste Mieter:innen.

Ein neues, milliardenschweres Bauprojekt, das derzeit am südlichen Themseufer in London realisiert wird, hat genau das zum Ziel. Der von Native Land entwickelte Bankside Yards soll der erste ohne fossile Brennstoffe betriebene Mischnutzungskomplex in Großbritannien werden.

Dem Bauunternehmen zufolge sollen alle acht Gebäude des Komplexes mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden und mit Technologien wie Luftwärmepumpen und speziellen Fassaden sowie modernsten Belüftungs- und Wärmerückgewinnungssystemen den Nachhaltigkeitsanspruch des Projekts untermauern und die betriebliche Netto-Null-Bilanz sicherstellen.

Sind Sanierungsprogramme die Lösung für eine Verringerung der Emissionen in Großbritannien?

Mindestens zwei Drittel der heute stehenden Gebäude werden noch im Jahr 2050 existieren. Demzufolge besteht eine weitere Strategie zur Senkung der durch die Baubranche verursachten Kohlenstoffemissionen darin, bestehende Gebäude mit Technologien nachzurüsten, mit denen sie neue und aufkommende Umweltstandards sowie die anspruchsvollen Erwartungen moderner Bewohner:innen erfüllen können.

Der offensichtlichste Ansatzpunkt für diese Maßnahme ist der Wohnungsbaubestand des Landes. Laut einem von der Green Alliance veröffentlichten Bericht hat Großbritannien die am wenigsten energieeffizienten Wohnhäuser in ganz Europa. Und während die Regierung das Ziel verfolgt, bis 2035 den Energieeffizienzausweis der Klasse C zu erreichen, erfüllen derzeit nur 29 % der Häuser die entsprechenden Anforderungen. Mit der Nachrüstung der verbleibenden 71 % steht das Land, so die Alliance, vor einer großen Herausforderung.

Stattdessen fordert die Alliance die Umsetzung von Energiesprong, einem innovativen ganzheitlichen Ansatz zur Sanierung von Wohngebäuden. Dieser umfasst die Nutzung von wärmeeffizienten Fassaden, Solaranlagen und einem Energiemodul mit Luft- oder Erdwärmepumpen.

Dem Bericht zufolge reduziert eine Sanierung nach dem Energiesprong-Konzept, das erstmals in den Niederlanden umgesetzt wurde, den Gesamtenergiebedarf eines Gebäudes um durchschnittlich 80 %.

Die Baubranche steht beim Versuch, ihre Umweltfreundlichkeit zu erhöhen, zweifellos vor zahlreichen Herausforderungen. Doch die breite Unterstützung und die wachsende Nachfrage nach umweltschonenderen Vorgehensweisen, Technologien und Ergebnissen sowie das Bewusstsein, wie wichtig es ist, die Kohlendioxidemissionen zu senken, lassen Hoffnung aufkommen, dass die aktuelle Marschrichtung richtig ist.

Der Beitrag von Bluebeam zur Umweltverträglichkeit im Jahr 2020 in Bildern