Sandknappheit 2021: Geht der Welt bald der Sand aus?

Vor zwei Jahren mahnten die Vereinten Nationen die Welt in einem Bericht zum Handeln, um die durch umfassende Bauvorhaben bedrohten Sandreserven zu erhalten. Wird es der Branche mit der Wiederaufnahme der Bautätigkeit nach der Corona-Pandemie an einem der wichtigsten Baumaterialien fehlen?
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Als Baustoff ist Sand nicht nur für Millionen von Kindern unverzichtbar, die daraus jeden Sommer fantasievolle Burgen am Strand errichten, sondern spielt eine ebenso fundamentale Rolle im Baugewerbe der Erwachsenen. Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) ist Sand nach Wasser die weltweit zweitwichtigste Ressource, gemessen an Abbau- und Handelsvolumen. Er stellt die Grundlage für einige der am häufigsten in der Branche verwendeten Materialien dar, u. a. für Beton, ein Verbundmaterial aus Kies und Sand.

Weltweit steigt die Nachfrage nach neuen Häusern, Geschäftsgebäuden, Straßen und anderen Infrastrukturprojekten; außerdem hat Sand zahlreiche Anwendungsbereiche, von der Zement- bis zur Betonherstellung, in strukturellen Fundamenten oder bei der Glasproduktion. Vor diesem Hintergrund sieht man sich mit einer Knappheit des Rohstoffes konfrontiert.

Dass es auf der Welt einmal zu wenig Sand geben könnte, scheint zunächst weit hergeholt. Man denke nur an die Sahara-Wüste, die sich über unglaubliche 9,2 Millionen km² erstreckt und fast vollständig daraus besteht. Der Sand der Sahara und anderer Wüstenregionen ist jedoch für Bauzwecke nicht geeignet.

Die Sandproduktion wird nicht überwacht, wohl aber die Herstellung von Beton und Zement. Anhand der Produktionsdaten für diese Werkstoffe können Beobachter:innen der Branche abschätzen, wie viel und von wem Sand aus dem Boden entnommen wird.

Warum gibt es zu wenig Sand?

China, das für 32 % der globalen Bautätigkeit im Jahr 2020 verantwortlich ist, stellt mehr Zement und Beton her als der Rest der Welt zusammen; für beide Materialien wird Sand benötigt. Eine weitere erstaunliche Statistik besagt, dass China seit 2003 alle drei Jahre mehr Beton gegossen hat als die USA im Laufe des gesamten 20. Jahrhunderts.

Die weltweite Nachfrage nach Sand und Zuschlagstoffen ist derweil riesig: Die UN schätzen sie für das Jahr 2019 auf etwa 40 Milliarden und 50 Milliarden Tonnen. Zwar hat die Corona-Pandemie zu einem Rückgang des Verbrauchs in den letzten 12 Monaten geführt, die Wiederaufnahme der globalen Wirtschaftstätigkeit wird diese Zahl jedoch schnell wieder in die Höhe treiben. Die UN gehen von einem Wachstum von beinahe 6 % pro Jahr aus.

Was bedeutet dieses Wachstum also für den Sandmangel?

Sand-Governance

Immer häufiger wird ein Konzept der „Sand-Governance“ gefordert, um sowohl Sandvorräte als auch lokale Lebensräume zu schützen, aus denen Sand gewonnen wird. Bei der Vorstellung des UN-Berichts „Sand & Sustainability: Finding New Solutions for Environmental Governance of Global Sand Resources“ kritisierte die stellvertretende Exekutivdirektorin des UN-Umweltprogramms Joyce Msuya, die Welt gebe ihr „Sand-Budget“ schneller aus, als eine verantwortungsvolle Produktion möglich sei.

„Indem wir die Governance der globalen Sandressourcen verbessern, haben wir die Möglichkeit, diese wichtige Ressource nachhaltiger zu verwalten und zu zeigen, dass Infrastruktur und Natur Hand in Hand gehen können“, erklärt sie in dem Bericht.

Angesichts solcher Fragen, die Entscheidungsträger:innen beschäftigen, werden Forderungen nach einer besseren Verwaltung von Vorräten und Ressourcen laut; Gleiches gilt in Bezug auf die weltweiten Holzreserven.

Dem UN-Bericht zufolge sollte die Welt dem Sandmangel wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenken. Internationale Organisationen, lokale und nationale Regierungen, der private Sektor und örtliche Gemeinschaften werden darin aufgerufen, sich für den Erhalt der Sandbestände einzusetzen. Im Dokument wird auch für die Stärkung von Standards und bewährten Praktiken plädiert, um „den unverantwortlichen Abbau einzudämmen“.

Die UN haben die Länder auch dazu aufgefordert, in die Erfassung und Messung der Sandproduktion zu investieren und gleichzeitig eine bessere Überwachung und Planung des Abbaus durchzusetzen. Schließlich erhoffen sie sich eine bessere Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Parteien, um die nötige „Transparenz und Rechenschaftspflicht“ zu schaffen.

Kann uns der Sand ausgehen?

Kann der Welt nun tatsächlich der Sand ausgehen? Nein, sagt die britische Handelsvereinigung Mineral Products Association. Die MPA bestätigt die 2019 im UN-Bericht genannten Punkte, betont jedoch, dass die bestehenden Engpässe nicht auf eine „Verknappung“, sondern auf den Nachfragestau infolge der Corona-Pandemie zurückzuführen sind, der die „normale“ Menge bei Weitem übersteigt.

„Großbritannien verfügt dank seiner vielfältigen Geologie über eine Fülle von mineralischen Rohstoffen“, so Mark Russell, der für Planung und mineralische Rohstoffe zuständige Exekutivdirektor der MPA. „Im Gegensatz zu Stahl-, Holz- und Kunststoffprodukten, die größtenteils importiert werden müssen, sind wir im Bereich der hochwertigen Zuschlagstoffe, die den zentralen Rohstoff für die Herstellung von Beton, Asphalt und vielen anderen Produkten darstellen, daher praktisch autark.“

Das Problem liegt Russell zufolge darin, dass nicht oder kaum berücksichtigt wird, wie sehr sich der Sandmangel auf künftige Bau- und Sanierungsmaßnahmen auswirken wird. „Dazu kommen die schwerfälligen und unzureichend ausgestatteten Systeme für den Zugang zu den Ressourcen des Landes und deren Verwaltung; Systeme, die zu lange vernachlässigt wurden und nicht mehr zweckdienlich sind. Würzt man diese Kombination dann noch mit einer Prise interventionistischer, unüberlegter Politik, dann droht das Ganze zusammenzubrechen“, fügt er hinzu.

Auch wenn also die Befürchtungen einer Sandknappheit im Jahr 2021 übertrieben sein mögen, so bestehen doch berechtigte Sorgen einer abnehmenden Verfügbarkeit von zugelassenen Mineralien. Und dies geschieht zu einem Zeitpunkt, zu dem die britische Regierung den Ausbau der Infrastruktur, des Wohnungsbaus und der grünen Energieversorgung vorantreiben will, wofür Hunderte Millionen Tonnen mineralischer Produkte benötigt werden.

Langfristige Ressourcenplanung

Abgesehen von gelegentlichen Ausreißern leiste die Branche „hervorragende Arbeit“ bei der Deckung des Materialbedarfs, so Russell. „Aber mit Blick auf die Zukunft brauchen wir dringend einen langfristigen Plan und eine Überarbeitung des Systems, um das Angebot an Mineralien aufrechtzuerhalten und die Nachfrage zu decken, die größtenteils von der Regierung selbst erzeugt wird“, fügt er hinzu.

Russell hält es für dringend erforderlich, die Beurteilung materieller Ressourcen und Beschaffungsprüfungen zum „Bestandteil jeder Projektbewertung bei großen Infrastruktur- und Entwicklungsprojekten“ zu machen.

„Das würde Transparenz gewährleisten und der Industrie die Zeit geben, um Reserven zu planen und Kapazitäten zu berücksichtigen“, meint er.

Gibt es für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Vorräte tatsächlich knapp werden, Alternativen zur Verwendung von Sand im Baugewerbe? Bis zu einem gewissen Grad ja. Forscher:innen der Universität Cambridge haben herausgefunden, dass wiederverwertete Kunststoffabfälle unter bestimmten Umständen zur Verdickung von Sand als Baustoff genutzt werden können, auch wenn ein Verhältnis von 10 % Kunststoffabfällen zu 90 % Sand nicht sehr vielversprechend klingen mag.

Es sieht also so aus, als ob der Sand uns erhalten bleibt. Doch die Branche muss wachsam vorgehen und verantwortungsvoll auf Hersteller- und Nutzerseite handeln. Mit der unvermeidlichen Nachfrage durch zunehmende Bautätigkeit wird die Verwaltung und Überwachung der Sandressourcen, und die Sicherstellung ihres möglichst nachhaltigen Abbaus, zu einem kritischen Faktor.

Es gibt eine Menge innovativer Baumaterialien …