So wird 2030 gebaut

Die von den Regierungen gesteckten Klimaschutzziele machen Druck auf die Baubranche, in den nächsten zehn Jahren nachhaltigere und effizientere Baumethoden zu entwickeln und anzuwenden. Eine Gruppe von Bauexperten beantwortet unsere Fragen zu dem Thema.
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Neue Gesetze und das allgemeine Bemühen um umweltfreundlichere Baumethoden werden die Arbeitsweise der Bauindustrie in den kommenden Jahrzehnten stark beeinflussen.

Weltweit haben Regierungen sich bis 2050 ambitionierte Ziele für die Reduzierung von Kohlenstoffemissionen gesetzt. Da die Baubranche heute für 40 % aller Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, muss sie schnell handeln. Die Beschaffung und Nutzung von Baumaterialien muss nachhaltiger werden, damit nahezu alle Abfälle vermieden werden können.

Vor diesem Hintergrund erstellte The B1M, der weltweit meist abonnierte Videokanal der Baubranche, einen kurzen Dokumentarfilm mit dem Titel „How to Build in 2030 (So wird 2030 gebaut)“. Der Film zeigt das gesamte Ausmaß der Herausforderungen, mit denen die Branche künftig konfrontiert sein wird. In diesem Rahmen brachte The B1M außerdem drei Branchenexperten in einer virtuellen Diskussionsrunde zusammen, um mögliche Herangehensweisen an die erforderlichen Veränderungen zu besprechen.

Fred Mills, Mitbegründer und Geschäftsführer von The B1M, leitete diese Diskussion zu den Themen Innovationen und Nachhaltigkeit.

Ist die Branche nun gezwungen, über diese Fragen nachzudenken, oder wird sich alles mit der Zeit von selbst regeln?

Xavier De Kestelier, Head of Design Technology and Innovation, Hassell Studio: COVID-19 hat uns gezeigt, dass Veränderungen möglich sind. Viele Menschen arbeiten jetzt von Zuhause aus und sind dabei ebenso effizient wie vorher. Das sollte uns zeigen, dass große Veränderungen auch in unserer Branche möglich sind und dass wir mit eben dieser Einstellung den gewünschten Wandel bewirken können. Die Pandemie hat deutlich gezeigt, dass wir uns anpassen können. Und es ist für uns schlicht eine Notwendigkeit, Nachhaltigkeit zu fördern und den Klimawandel aufzuhalten. Das müssen wir doch schaffen können! Wir alle müssen bei uns selbst anfangen, unsere eigene Arbeitsweise auf Herz und Nieren prüfen und fest daran glauben, dass Veränderungen möglich sind.

Sarah Jolliffe, Company Energy Manager, BAM Nuttall: Wir sehen heute ganz deutlich, was um uns herum passiert, da die Wissenschaft uns entsprechende Daten vorlegt und eine umfangreiche Überprüfung möglich ist. Glücklicherweise gibt es Menschen, die diese wissenschaftlichen Fakten einem breiten Publikum zugänglich machen können, sodass auch der normale Bürger – zum Beispiel durch die Naturdokumentationen von David Attenborough – sieht, was da draußen los ist. Wir verstehen nun alle, was wir dem Planeten antun. Wenn wir im kommenden Jahrzehnt nicht handeln, werden wir alle unsere Arbeit verlieren und wahrscheinlich sogar unser Leben. Das klingt nach Panikmache, ich weiß. Doch leider fehlt uns oft das Talent, langfristiger zu denken.

James Chambers, Regional Director UKI+, Bluebeam: Die Pandemie hat die Notwendigkeit verschärft, die Umstellung auf eine intelligentere, bessere und saubere Arbeitsweise zu vollziehen. Daher haben wir jetzt auch mehr Daten. Wir wissen, dass ökologische Baumethoden uns 10 % weniger kosten und dass auch der Betrieb solcher Gebäude über ihre gesamte Lebensdauer 8–10 % günstiger sein kann. Die Zahlen zum Kohlenstoffausstoß sind alarmierend ebenso wie die Statistik, dass zwischen 13 % und 15 % der Baumaterialien überhaupt nicht genutzt werden und direkt auf der Mülldeponie landen. Eine nachhaltige, ökologische und bewusste Arbeitsweise ist jetzt nicht mehr ein nettes Extra, sondern ein absolutes Muss.

Der Film beschreibt viele Herausforderungen, denen sich die Branche in den nächsten 10 Jahren stellen muss, aber welche ist Ihrer Meinung nach die wichtigste?

Xavier De Kestelier: Der Klimawandel ist die größte Herausforderung. Daneben müssen wir in der Branche aber auch Aufklärungsarbeit leisten, um die Verwendung unterschiedlicher Materialien zu optimieren und um Baustoffe wieder populär zu machen, die wir leider nicht mehr so häufig verwenden, wie zum Beispiel Holz. Wir sollten uns selbst weiterbilden und auch unsere Kunden über die Vorteile von Materialien wie Holz aufklären, um sicherzustellen, dass wir alle am gleichen Strang ziehen.

Sarah Jolliffe: Effizienz ist ebenso wichtig. Prozesse in Bereichen wie der zivilen Infrastruktur gehen leider immer noch schmerzhaft langsam voran. Wann immer wir bei diesen Projekten endlich die Bauphase erreichen, nutzen wir Technologien, die bereits seit geraumer Zeit nicht mehr aktuell sind. Wenn ein großes Projekt dann fertig ist, ist es praktisch schon rückständig. Daher müssen wir uns auf moderne Konstruktionsmethoden konzentrieren, also modulares Bauen, schnellere Prozesse, Robotik usw.

James Chambers: Meiner Ansicht nach sollten wir sowohl Nachhaltigkeit als auch Effizienz anstreben. Alle reden darüber, wie wichtig die Digitalisierung ist, doch immer noch geben viele Unternehmen für den Druck von Papierbauplänen Zehntausende Euros im Jahr oder sogar pro Projekt aus. Nachhaltigkeit und Effizienz sind fassbare Dinge, die nun vor unseren Augen Realität werden, und jeder sollte jetzt ihre Auswirkungen spüren.

Der Film von The B1M spricht darüber, wie sich die Branche von herkömmlichen Materialien wie Stahl und Beton ab- und Alternativen wie Holz zuwenden sollte. Brauchen wir ein solches Umdenken? Würde es tatsächlich negative Auswirkungen haben, wenn wir einfach mit dem weitermachen, an das wir gewöhnt sind?

James Chambers: Ich glaube nicht, dass es darum geht, dass wir uns vom Beton abwenden. Ich denke, es geht eher darum, dass wir uns in eine positive Richtung entwickeln und nachhaltiger bauen und intelligentere Materialien verwenden. Ich liebe Holz, aber es gibt auch fortschrittliche Lösungen in anderen Bereichen wie zum Beispiel Porenbeton, mit denen man der Umweltverschmutzung entgegenwirken kann. Wir können jetzt beweisen, warum der Holzbau und die Verwendung dieser fortschrittlicheren Materialien unterm Strich zu einem höheren ROI führt und einen besseren Einfluss sowohl auf das Leben der Menschen als auch auf die Nachhaltigkeit haben wird. Wir müssen die Leute nur aufklären.

Xavier De Kestelier: Auch sollten wir uns besser um die Gebäude kümmern, die wir bereits haben. Wir müssen geschickter mit den Materialien umgehen, die wir einsetzen, Materialien aus bestehenden Gebäuden recyceln und Gebäude nachrüsten.

Sarah Jolliffe: Die Aufklärung innerhalb der Branche ist ebenso von grundlegender Bedeutung. Manche Menschen sind noch zögerlich mit der Umstellung, doch wir müssen versuchen, mit diesen Personen zu kommunizieren und uns wirklich Mühe geben, ihnen diese Dinge zu vermitteln. Das ist auch schon ein Schritt in die richtige Richtung. Menschen können sehr empfänglich dafür sein, Dinge auch mal auf eine andere Art und Weise zu tun, solange man ihnen beweist, dass es funktioniert und dass es profitabel ist. Dabei sollte man bedenken, dass in dieser Branche Geld immer noch ein entscheidendes Argument ist, auch wenn es nicht immer zur Sprache kommt. Aber es ist glücklicherweise nicht das alles entscheidende Argument. Menschen lassen sich überzeugen.

Xavier De Kestelier: Wir machen manchmal den Fehler, eine Kombination aus alten Materialien und neuen Technologien verwenden zu wollen. Ich persönlich würde argumentieren, dass 3D-Druck und Beton nicht die ideale Kombination sind. Beton ist einfach nicht der beste Werkstoff zum Drucken, also sollten wir uns für diesen Anwendungsfall andere Materialien ansehen. Darüber hinaus können Materialien auch durch ihren Einsatzort beeinflusst werden. So wissen wir zum Beispiel, dass sich in einigen Teilen der Welt andere Baustoffe als Holz einfach besser eignen.

Sarah Jolliffe: Es kommt auch auf die Anwendungsgebiete an. Bei der zivilen Infrastruktur liegen viele Teile einfach im Boden oder werden in Brücken verbaut. Allzu viele Holzbrücken werden wir nicht sehen, jedenfalls nicht in der Größe von Strukturen aus anderen Materialien. Ein Problem beim Beton ist das Volumen. Doch dank 3D-Druckverfahren kann man viel von der Masse einsparen, also viel schlanker bauen. Dadurch wird der Prozess billiger und effizienter. Anderswo gibt es neue Werkstoffe, etwa Verbundpolymere, die Stahl ersetzen. Und wer weiß, wohin uns Graphene 2030 führen werden? Wir leben definitiv in aufregenden Zeiten.

Der Film greift das Thema Automatisierung auf. Sie soll die Lösung für mehr Effizienz und den gravierenden Fachkräftemangel sein. Der Trend zur Automatisierung beunruhigt jedoch manche Menschen – gibt es Grund zur Sorge?

James Chambers: Wir müssen uns nur außerhalb unserer eigenen Branche umsehen und zum Beispiel Richtung Luft- und Raumfahrt oder Automobilindustrie schauen, um zu sehen, wie dort Robotik, schnelle Prototypenentwicklung und so weiter eingeführt wurden. Daneben brauchen wir jedoch immer noch das entsprechende Know-how und die Mitarbeiter müssen in diesen Bereichen geschult werden. Ich glaube nicht, dass wir uns davor fürchten sollten. Ich denke, wir sollten uns ansehen, was heute bereits jenseits unserer Branche passiert, und akzeptieren, dass die Baubranche künftig große Herausforderungen zu bewältigen hat.

Xavier De Kestelier: Das Volumen externer Fertigungsarbeiten wird definitiv wachsen. Während vor Ort vermehrt Technologien wie Drohnen eingesetzt werden können, ist das mit dem Einsatz von Robotik schon schwieriger. Eine Fabrik ist eine kontrollierte Umgebung im Gegensatz zu einer Baustelle, die ständig in Bewegung ist – dort ist der Einsatz von Robotik nicht ideal. Künstliche Intelligenz kann bestimmte Prozesse automatisieren und beispielsweise Tausende von Grundrissen für ein Wohnungsbauprojekt entwerfen, aber als Architekten ist es immer noch unsere Aufgabe, die Ideen zu entwickeln. Ich hoffe jedoch, dass ich zukünftig mehr Zeit zum Nachdenken und für den eigentlichen Entwurf habe und weniger für das Zeichnen aufwenden muss.

Sarah Jolliffe: Ich habe früher als Maurerin gearbeitet und wenn ich heute in Schulen gehe, um über die Baubranche zu sprechen, ist eine meiner Hauptbotschaften an die Schüler: Bleibt flexibel. In diesem jungen Alter sollte man sich nicht darauf beschränken, was man aktuell tut oder kann. Die Arbeit, für die man sich jetzt entscheidet, wird es in fünf oder zehn Jahren nicht mehr geben. Doch die Automatisierung wird dem Menschen wahrscheinlich nicht seine Arbeit wegnehmen, sondern ihm den Weg freimachen, Interessanteres zu tun.

James Chambers: Wenn Kinder heutzutage die Schule abschließen, sind sie digital sehr versiert. Sie werden wahrscheinlich ganz andere Herausforderungen erleben, als wir uns das heute ausmalen können. Viele junge Leute, die jetzt in die Branche einsteigen, sind bereits viel vertrauter mit der digitalen Welt, als wir es damals waren.

Wir sprechen davon, dass Baustellen bis 2030 papierlos sein sollen. Was sind die Vorteile einer papierlosen Baustelle, und wenn dieses Konzept tatsächlich besser ist, warum ist es nicht schon zur Norm geworden?

James Chambers: Das Wichtigste ist, die Menschen vor Ort zu schulen – vor allem diejenigen, die glauben, dass sie unbedingt einen gedruckten Plan verwenden müssen anstatt eines Tablets. Man muss ihnen zeigen, dass sie solch einen Plan nicht benötigen – auch wenn sie bisher nichts anderes kannten. Es geht darum, alte Einstellungen zu ändern und die vielen Vorteile aufzuzeigen, die die neuen Methoden mit sich bringen. Man kann mit ihnen bessere Gebäude bauen. Und man hat denselben Zugriff auf dieselben Daten, auf die dann allerdings auch noch später leicht zugegriffen werden kann.

Sarah Jolliffe: Wir haben einige sehr entschlossene Projektmanager, die sich der Digitalisierung voll und ganz verschrieben haben. Doch es gibt auch immer noch Menschen, die sich nicht einmal ein iPad anschaffen möchten, weil sie denken, dass es zu viel Geld kostet. Mein Rat an diese Personen lautet: Sorgen Sie sich nicht um die Kosten des iPads, denken Sie lieber über die Einsparungen und Effizienzsteigerungen nach, die diese Technologien Ihnen bringen können. Es gilt nach wie vor, festgefahrene Überzeugungen zu überwinden und dann das Denken durch neue Ideen in eine zukunftsweisende Richtung zu lenken. Manchen Generationen fällt das zuweilen noch schwer, aber bis 2030 wird sich das geändert haben.

Klicken Sie hier, um sich das Video „How to Build in 2030 (So wird 2030 gebaut)“ anzusehen.